Die Elternschaft ist ein komplexer Zustand, dem sich rührende oder peinliche Selbstbeobachtungen, häusliche Innigkeit oder Streiterei, in jedem Fall erregte Diskussionen abgewinnen lassen. Keine schlechte verlegerische Idee also, das Thema Thomas Mann, das wie kaum ein anderes durchrecherchiert ist, unter diesem Fokus neu zu ordnen. Da berühren sich die Prominenz eines großen Autors, ein elegantes Familienensemble, Papa und Mama und die sechs Kinder, mit einem Buchtitel, der geschickt das Frauenthema intoniert – Ich war immer verärgert, wenn ich ein Mädchen bekam . Selbst bei Nichtlesern kann Interesse vermutet werden, geweckt von der beliebten TV-Serie Die Manns von Heinrich Breloer, jetzt eingefangen im Untertitel: Die Eltern Katia und Thomas Mann.

"Diese Kälte, immer diese Kälte", hat man da den ältesten Sohn Klaus über seinen Vater, den Literatur-Nobelpreisträger, sagen hören. Mit welch eisigem Blick der Schriftstellerheld den jüngstgeborenen Michael berührte, als der Kleine am Weihnachtsabend ein Spielzeug zerbricht, ein barsches "Was tut der überhaupt hier?", schockgefrorene Kindermiene. Das zauberhafte Lächeln der Lieblingstochter Elisabeth, das Stottern von Monika, die vor den Eltern keine Gnade fand, zu normal das Kind. Golo, der spätere Historiker, der sich Spickzettel faltete für den Fall, dass er in einem Zwiegespräch mit Papale stranden sollte. Erika, die Älteste, wie geschliffen sie über Papas zeitgeschichtliche Bedeutung referiert. Sechs hochbegabte Kinder und ein weltberühmtes Paar, ein Hochleistungsbetrieb, auch der tragischen Lebensläufe. Welcher Stoff mag da noch schlummern?, mag sich die Literaturwissenschaftlerin Andrea Wüstner gefragt haben.

Der Sprengstoff, den die Familie birgt, ist von exquisiter Qualität. Ein Mann und eine Frau, die ihre Rolle als Mann und Frau nicht spielen mögen. Thomas, der Sohn aus verarmtem hanseatischen Adel, ein Schönling, den es nicht zu Frauen zieht. Katia, die Prinzessin der reichen Münchner Pringsheim-Familie, Studentin der Physik, ein androgyn wirkender Puck. Katia verfügte, wie Klaus Harpprecht, der Thomas-Mann-Biograf, nicht ohne Ironie schreibt, "über einen erotischen Zauber, der ihm nicht völlig fremd war". Als Thomas und Katia am 11. Februar 1905 heiraten, beziehen sie Positionen in einem erprobten Gendermodell, das sichere Verankerung in Aussicht stellt, in schnellen Geburtenfolgen errichten sie zwischen sich und um sich herum Kinderreichtum wie ein Bollwerk gegen die Anfeindungen, die innerlich toben. Sie verpuppen sich in einem luxuriösen Kokon aus Großfamilie, nicht ohne das Brodeln im Innern zu überhören; das wird die erstaunlichste Anzahl von Tagebüchern, Autobiografien, eine überreiche Korrespondenz produzieren, natürlich das große Werk. Aus diesem Schatz schöpft Andrea Wüstner.

Wüstner zupft Zitate aus dem Konvolut, sie stellt sie zueinander, Tagebuchnotizen von Großmutter Pringsheim mit Briefen von Thomas an seinen Bruder Heinrich, Katia an Erika, Erika an Klaus, Thomas über Klaus. Als wären sie unter einen starken Magneten geraten, ordnen sich die Schnipsel zu erstaunlichen Mustern, die Wüstner kommentiert durch rhetorische Fragen, Nebensätze, manchmal ausgesprochen entschieden, dann in erstaunten Wiederholungen, quasi empörten, abwertenden Nachsätzen. Etwa: "Der Kontakt mit Erika und Klaus ist doch für die Eltern so schön. Da ist was los. Darbietungen eben."

Das Bild der Familie, das sie sich zusammenlegt, ist das einer innerlich hohlen, von Ängsten durchwucherten, vom Unglück zerrissenen, zerstörerischen Familie. Wüstner konzentriert sich auf die Nachtseite dieser Familie. Sie fokussiert Depression und Migräne, Magenleiden und Familienverstimmungen. Sie beäugt "das Beliebige und Unberechenbare, das Verwirrende und Ungerechte der familiären Atmosphäre". Sie richtet den Scheinwerfer auf haarsträubende Ungerechtigkeiten, charakterliche Unzulänglichkeiten, auf die Momente extremer Entfremdung, sie verfolgt Selbstzweifel bis zur Todessehnsucht. Das Strahlende dieses Clans, der Zusammenhalt der amazing family, wie sie in Amerika hieß, der globale Erfolg, kommen ihr dabei abhanden, sofern es nicht als Fassade eingeblendet wird oder als Verdrängung. Etwa so: "Entspannte Stimmung, heißt es über die Ferien im idyllischen Tölz, Spaziergänge mit der Mutter und, ab zwölf Uhr mittags, mit dem Vater. Sicher ist das schön und idyllisch, aber warum wurde es zum Paradies hochstilisiert?"

Das erzeugt eine kuriose Erzählhaltung. Wüstner wirft den Manns ihr Leben vor. Das hat etwas von einer bekümmerten Sozialarbeiterin, da ist etwas Inquisitorisches, Vorführendes, gelegentlich schroff Abkanzelndes.