Sie wollte keinen Mann, nie im Leben, Männer tragen Schwanz, Männer sind Schweine, Doris (Name von der Redaktion geändert) wollte einen Mann, wie es keinen gibt, nicht schön musste er sein, aber lieb, und eine tiefe Stimme sollte er haben, wenn möglich, sie schrieb in ihr Handy, SMS Chat 609, Dating & Fun: Wo bisch du treue erlicher mann maximal 30jahrig? Doris lag in ihrer Wohnung an der Poststraße 1 in Birmensdorf, sie war zwanzig und müde und schwer, das Leben scheiße, März 2007, es war so was von scheiße damals.

Josef, neben Doris, legt die Hand auf ihr Knie und sagt: Vorbei ist vorbei.

Josef schrieb zurück: Hoi Doris. 15 Jahre war Ich bei der Bahn. Bin treu und ehrlich. Erzähl Etwas Von dir.

Sie schrieb: Erzehl zuerst du.

Doris und Josef, Trauungsurkunde 3.1.2 / 8642744 / 6494754, sitzen im Zug der Schweizerischen Bundesbahn, zweite Klasse, in Fahrtrichtung, sonst wird mir schlecht, sagt Doris, es ist ein Mittwoch im Februar, Josef streichelt ihr Knie, vielleicht sehen wir unterwegs eine Re 4/4.

Genannt Bobo, haucht sie.

Und Josef lacht mit tiefer Stimme, krümmt sich zu Doris und küsst ihren Mund.

Sein zweitschönster Tag, denkt Josef manchmal, wenn er neben Doris das Schweizer Flachland quert, immer am Fenster, um nichts zu verpassen, keine Lokomotive, keinen Bahnhof, sein zweitschönster Tag, denkt er, war der 5. August 1992, ein Montag, als er, sechzehn Jahre alt, bei den Vereinigten Huttwil-Bahnen die Lehre begann und, schon am ersten Tag, eine Handweiche stellte, das vergisst man nicht, das vergisst man nie.

Achtzehn Monate lang war Josef, rote Backen, feuchter Mund, Lehrling, bezaubert von Schienen, Wagen, Lokomotiven, am 5. Februar 1993 drückte der Chef seine Hand und lobte Fleiß und Einsatz, Betriebsangestellter Rangier, Abschlussnote 4,7, am Morgen war Josef der Erste, am Abend der Letzte, sich nicht zu schade, die Kotze der Besoffenen vom Bahnsteig zu putzen, Güterwagen formte er zu neuen Zügen, sorgsam und treu, schob sie mit einem Traktor von Gleis zu Gleis. Einmal, am 14. November 1994, schlug ihm eine eiserne Stange an den Kopf, Commotio cerebri, Gehirnerschütterung, Josef erwachte im Spital von Wolhusen, nach zwei Wochen durfte er nach Hause, sollte liegen, ruhen, warten, Josef aber, Bähnler aus Ungeduld, setzte sich in die Züge und reiste durch die Schweiz, tat, was er immer tut: Er fotografierte, Lokomotiven.

Er schrieb: Hoi Doris. Die hälfte des lebens war Ich bei der Bahn, dann Entlassen ohne grund, bin Allein + treu. Und du?

Doris schrieb: Bin vergwaltigt worde. Kein Fertrauen in niemand.

Doris und Josef reisen im Zug nach Bern, Regio-Express 3320, vorbei an Schüpfheim, Escholzmatt, Trubschachen, Hügel links, Hügel rechts, Bäume darauf und Höfe, das Emmental, in Bern haben wir neun Minuten Zeit, das reicht.

Neun Minuten sind eine Ewigkeit, sagt Doris und legt ihren Kopf an seine Schulter.

Angst?, fragt er.

Vielleicht sehen wir in Bern den TGV, sagt sie und reibt ihr Gesicht an Josefs Schulter, diesen Josef gibt sie nie mehr her, was für ein Glück, dass sie ihn hat, er ist so ruhig, er schreit nicht, er trinkt nicht, ganz anders als ihr Vater, der ständig schlug, wenn er besoffen war, und schlug und schlug, und Doris, zugegeben, war ja ein wildes Kind, machte viel Blödsinn, einmal, vielleicht mit vier, bohrte sie sich mit einem Handbohrer in den Fuß, es tat nicht weh, Doris wunderte sich nur, dass sie blutete.

In der Schule, Kanton Thurgau, riefen die Kinder Doris dicke dumme Sau, sie rannte nach Hause, die Mutter sagte, selber schuld, friss noch mehr. Der Vater gab den Hof auf, wurde Chauffeur, die Mutter Kellnerin, die Familie zog von Ort zu Ort, Tobel, Guntalingen, Waltalingen, nachts das Geschrei der Eltern, die Polizei im Haus, schließlich die Scheidung. Neun Jahre lang besuchte Doris eine heilpädagogische Schule, lernte kaum lesen, kaum schreiben, mit 16 zog sie nach Brunnadern, Kanton St. Gallen, zur Lehre, Ausbildungsstätte Auboden, wurde Hauswirtschafterin, putzte, kochte, wusch, am liebsten hätte ich mich umgebracht, hab es einmal sogar versucht.