Kommt rein, Kinder. Setzt euch. Hört, was der alte Mann zu erzählen hat. Habt keine Angst. Na gut, ein bisschen Angst solltet ihr vielleicht doch haben.

Ich wurde noch in einer Welt geboren, in der es fast keine Verkehrsampeln gab. Könnt ihr euch das vorstellen? Man schaute links, man schaute rechts – und dann, hoppeldipoppel, rüber über die Straße. Die erste Ampel wurde zwar schon 1868 in London errichtet, mit Gasbetrieb, aber sie explodierte recht bald nach der Indienststellung. Piff, paff. Die erste richtige Ampel, elektrisch, drei Lichter, leuchtete in Detroit, 1920. Ja, genau, neunzig Jahre ist das her. Berlin zog 1924 nach.

Aber die meisten deutschen Mittelstädte haben erst nach dem Krieg mit dem Ampelbau begonnen. Krefeld, erste Ampel 1951. Heilbronn, 1954. Bremerhaven 1957. In meiner Kindheit sind, von einem bestimmten Tag an, überall an den Kreuzungen Ampeln gewachsen. Für jeden alten Nazi, der starb, wurde zum Gedenken eine Ampel hingestellt – nur ein kleiner Scherz am Rande. Und es hat nie wieder aufgehört. Ich zähle regelmäßig, wie viele Ampeln zwischen meiner Kreuzberger Wohnung und der neun Kilometer entfernten Stadtautobahn stehen, inzwischen sind es 39. Das ist doch Wahnsinn. Niemand will das. Helmut Schmidt würde sagen: Große Scheiße. Ach, wisst ihr, ich sage heute auch mal: Große Scheiße.

Zwei Dinge werden immer mehr, seit ich auf der Welt bin, Jahr für Jahr, obwohl ich dagegen bin, obwohl ich nichts damit zu tun habe, dies sind die Ampeln und die Staatsschulden. Sogar auf Lebensmittelpackungen sollen demnächst Ampeln gedruckt werden, weil irgendwelche Schwachköpfe glauben, die Leute wüssten nicht von alleine, dass Leberwurst mehr Fett enthält als Kopfsalat. Wisst ihr, was sie in Afghanistan tun sollten? Sie sollten die Taliban einfangen, mit Schlingen, wie in Daktari, und ihnen dann Ampeln auf ihre Turbane malen, das scheint eine Art Allheilmittel zu sein.

Ja, klar, ich bin sauer. Ich bin sehr böse. Ein Mann sieht rot. In meinem Fall sieht der Mann sogar 39 Mal hintereinander rot, auf neun Kilometern. Ihr könntet doch alle froh sein, wenn ich nicht zur Bazooka greife, so oft, wie ich rot sehe. Der Respekt der Bevölkerung vor der Ampel ist infolge der Ampelinflation natürlich stark gesunken, die Leute gehen sowieso über die Straße, wo sie wollen, über eine Ampel lacht man doch bloß noch. Früher war jede Ampel eine stolze Rose, heute ist sie ein Löwenzahn. Ampeln retten Leben? In Orten, in denen man versuchshalber alle Ampeln entfernt hat, ist die Zahl der Verkehrsunfälle gesunken, weil die Leute wieder gelernt haben, aufzupassen. Aufpassen, wisst ihr, das geht nämlich auch.

Nun habe ich gelesen, dass eine Art Wende im Gange ist. In Nürnberg (525 Ampeln) hat man aus Kostengründen, zum ersten Mal, seit es in diesem Nürnberg überhaupt Menschen gibt, sechs Ampeln wieder abgeschaltet, und man baut keine weiteren. Der städtische Etatposten "Pflege und Unterhalt von Ampeln" wurde von 1,4 auf 1,1 Millionen gesenkt. Ich habe begriffen, welch ungeheure Chance in der Staatsverschuldung liegt, und in der Finanzkrise der Kommunen. Und wenn ich sterbe, wenn der Kreis des Lebens sich schließt, wenn Deutschland unter den verdammten Schulden endlich zusammengebrochen ist und nur noch drei traurige Bankiers und fünf mit Kölnisch Wasser parfümierte Hoteliers überlebt haben, wegen der FDP, dann wird es vielleicht wenigstens keine Ampeln mehr geben, weil sie keiner mehr bezahlen kann, dann haben die Schulden doch immerhin einen Sinn gehabt.

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