Der Weg hierher war beschwerlich. Nicht nur für die Gründer dieses Museums, die sich gewiss als Pioniere verstehen dürfen, als Missionare, auch für den auswärtigen Besucher. Der Weg hierher, quer durch mäandernde Einkaufszonen den Siegener Schlossberg hinauf, bietet allenfalls zwiespältige, wenn nicht deprimierende Ansichten. Und doch ist er aller Mühe wert. Allein schon für diesen großen, fast schon erhabenen Moment, der sich im ehemaligen Telegrafenamt am Unteren Schloss plötzlich bietet: Wenn man hier vor diesem schwerelos, sorgenlos, fast übermütig flatternden königsblauen Tuch steht, das in der Mitte eines kargen Raums unentwegt neue Arabesken entwirft, von einem Ventilator zu ebenso geheimnisvoller wie hemmungsloser Lebendigkeit animiert.

Man wird Hans Haackes Arbeit Blue Sail von 1965 wohl niemals und nirgendwo so sehr verstehen und lieben können wie gerade hier, im Museum für Gegenwartskunst von Siegen, nach all der mausgrauen Innenstadt-Tristesse, die man zuvor passierte: als eine grandiose Hymne auf die Leichtigkeit des Seins. Allein schon dafür, für diesen wirklich außerordentlichen Moment, sollte man dieses Museum besuchen.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Es ist vor allem als ein Lebenszeichen in einer zombiehaft anmutenden Stadt zu verstehen, die, abgesehen davon, dass der große schillernde Rubens versehentlich hier geboren wurde, traditionell keine besonders intimen Kontakte zur Kunstwelt pflegte und im Bombenhagel des letzten Kriegswinters ihr Gesicht verloren hat, auch ihre Geschichte. Inmitten der tiefsten südwestfälischen Provinz ein Museum für Gegenwartskunst zu gründen ist nicht unbedingt naheliegend gewesen. Es bedurfte einer engagierten Mäzenin. Eines überzeugenden Konzepts (sich auf technische Medien in der Kunst, auf den Dialog der Medien zu konzentrieren). Und einer günstigen Gelegenheit: dass nämlich jenes historistische Telegrafenamt am Unteren Schloss erworben und dann vom Architekten Josef Paul Kleihues umgebaut und durch einen Neubau ergänzt werden konnte. Mit der Eröffnung des Museums im Jahr 2001 haben sich die Bürger im trostlosen Siegen einen Lichtblick geschenkt. Sie haben, vom alten Telegrafenamt aus, ein erstaunliches Lebenszeichen gesendet.

Das wird schon von außen sichtbar, am runden Treppenturm des ehemaligen Amtsgebäudes, in das sich auf ganz wundersame Weise Diana Thaters Video-Installation Broken Circles fügt. Dass diese Arbeit geradezu exemplarisch auf die Programmatik des Museums reagiert – die Kunst, das Kunstschaffen im "Zeitalter der technischen Reproduktionsmedien" zu reflektieren –, wird der Passant von außen zwar nicht gewahr. Aber er sieht doch zumindest, als geheimnisvolles Lebenszeichen, die Fenster des Turms in bunten Farben schillern. Im Innern dieser turmhohen Traumfabrik lässt sich dagegen die ganze geradezu emblematische Installation erleben, die aus mehreren miteinander verschliffenen Filmprojektionen besteht. Sie zeigen, eindrucksvoll wie in Westernfilmen, Aufnahmen von Wildpferden, die tatsächlich jedoch ebenso wenig frei sind und wild wie die Pferde aus jenen Filmen: Man hat sie auf diesen Anschein hin dressiert.

Auch in der Serie der Fachwerkhäuser des Siegener Industriegebietes von Bernd und Hilla Becher, die in mehrfacher Hinsicht zu den zentralen Werkgruppen des Museums gehört, schwingt die Scheinhaftigkeit des Gegebenen mit. Denn es handelt sich ja bei diesen Häusern, entgegen dem ersten Anschein, um zumindest teilweise vorfabrizierte Gebäude aus der Hochzeit der Industrialisierung im Siegerland. Bernd Becher stammt übrigens aus Siegen, wie der große Malerfürst Rubens.

Mit dem Andenken an den barocken Welt- und Lebemann fing hier auch alles wieder an, nach der Tabula rasa des Krieges. Denn ausgerechnet im fast ausradierten, hinterwäldlerischen Siegen begann man 1957 (und seither alle fünf Jahre), den Rubenspreis zu verleihen, als bewusste Anbindung an das fast untergegangene Abendland und als Anerkennung für das Gesamtwerk lebender Maler. Dieser Preis hat es im Lauf der Zeit zu beträchtlichem Ansehen gebracht, obwohl damit nur ein bescheidener Geldbetrag und eine kleine temporäre Ausstellung im Rathaus verbunden war, jedoch nicht einmal ein Ankauf seitens der Stadt. Es gab hier in Siegen also die Preisverleihungen und die Liste der namhaften Preisträger, von Giorgio Morandi bis Sigmar Polke, von Francis Bacon bis Maria Lassnig, von Hans Hartung bis Lucian Freud, von Emil Schumacher bis Cy Twombly. Aber keines ihrer Werke.

Die Siegener Mäzenin Barbara Lambrecht-Schadeberg entschloss sich daher zu einer großen, sinnfälligen Geste: Sie begann mit dem Aufbau einer Sammlung von Werken aller Rubenspreisträger, damit aus diesem bis dahin "imaginären Kanon" ein sichtbarer, konkreter werde, sozusagen als Dialogpartner im Museum für Gegenwartskunst. Bis heute sind von ihr rund 120, teils sehr kapitale Werke aller Preisträger für die Dauerausstellung des Museums zusammengetragen worden, darunter exquisite Ensembles von Hartung, Freud oder Bacon. Letzterer etwa, der ja sonst immer Auszeichnungen ablehnte, soll nur einen einzigen Preis angenommen haben: den Siegener Rubenspreis.