Von oben betrachtet, reicht Liverpool von der Vergangenheit bis weit in die Zukunft. Wenn die Gondel des Riesenrades an der Promenade des Flusses Mersey auf zwölf Uhr steht, schweift der Blick von den ersten Hochhäusern des Industriezeitalters über vergammelte Zweckarchitektur der sechziger Jahre und landet schließlich bei futuristischen Hotels und Apartmenthäusern. Sie künden von Wohlstand. Wohlstand, den die Labour-Regierung geschaffen hat. Liverpool gehört Labour. Nirgends ist die britische Arbeiterpartei fester verankert. Am nächsten Donnerstag wählt das Land ein neues Parlament, und es sieht ganz danach aus, als ob die Regierung abgelöst wird. Die Gondel erreicht den Boden. Zeit für einen Spaziergang durch Liverpool. Zeit, herauszufinden, warum die Tage von Labour gezählt sind.

Als ein junger Anwalt namens Tony Blair 1994 die Führung der Arbeiterpartei übernahm und sie zu einer postideologischen Mitte-links-Partei umformte, reformierte er auch die gesamte westliche Sozialdemokratie. New Labours Entwurf von einer politischen Zukunft, in der die Früchte der neoliberalen Marktwirtschaft einen starken Sozialstaat finanzieren, war die erste große politische Idee in einer Welt, die sich nach dem Ende des Kommunismus und dem Beginn der Globalisierung auf eine neue Zeit einstellen musste. Als Blair im Mai 1997 mit dieser politischen Blaupause in die Downing Street einzog, hatte er nicht nur sein Land hinter sich, sondern Sozialdemokraten von Brasilien bis Schweden. Es war das Gesellschaftskonzept, mit dem, davon war Blair überzeugt, die westliche Sozialdemokratie über Jahrzehnte hinweg regieren würde. "Es gibt keine Alternative zum Dritten Weg", sagte er damals.

Die City bekam mehr Freiheit – aber das war nur Mittel zum Zweck

Als New Labour anfing, war Liverpool am Ende. Tom O’Connor erinnert sich gut. Der alte Mann sitzt auf einer steinernen Bank am Ufer des Flusses und blinzelt in die Frühlingssonne. Er ist 87 Jahre alt, ein Zeuge des vergangenen Jahrhunderts. Er gehört zur vierten Generation seiner Familie, die auf der Schiffswerft Cammell Laird arbeitete. "Es war die Werkstatt des Empires", sagt er stolz und deutet mit seinem Gehstock über den Mersey. Dorthin, wo einst die größten Docks der Welt standen. Laut sei es damals hier gewesen, erzählt er wehmütig. "Das Hämmern und Klirren des Metalls wurde übers Wasser in die Stadt getragen. Es war Liverpools Identität." Heute ist es still. Nur das Tuckern einer Touristenbarkasse wird vom Atlantikwind ans Ufer geweht.

Liverpools Niedergang begann in den siebziger Jahren, als Großbritannien von einer Wirtschaftskrise in die nächste rutschte. "Dann kam eine gewisse Frau Thatcher und riss das Fundament der britischen Industrieproduktion ab", erklärt Tom O’Connor, und in seiner dünnen Stimme schwingt viel Ärger mit. Der gezielte Abbau der Industrie in den achtziger Jahren ließ Liverpool schrumpfen. Jedes Jahr verließen 12.000 Bewohner ihre Heimatstadt, weil es keine Arbeit mehr gab. "Ganze Stadtteile wurden einfach zugenagelt", es habe eine Armut gegeben wie im Krieg. "Die Frau wird in der Hölle landen", sagt Tom O’Connor. "Aber selbst das ist nur ein schwacher Trost."

Die Wut auf Margaret Thatcher sitzt tief. Nicht nur in Liverpool. Erinnerungen und Gefühle wie die von Tom O’Connor sind Teil des kollektiven Gedächtnisses Großbritanniens. Mit ihrem radikalen wirtschaftlichen Strukturwandel von der Industrie zu Dienstleistungen setzte Thatcher auch eine tief greifende gesellschaftliche Veränderung durch.

Tony Blair wollte Thatchers Strukturwandel keinesfalls aufhalten, im Gegenteil. Die Stärkung des Finanz- und Dienstleistungssektors durch laxe Regulierung war Teil auch seines Plans. "Blair war sich darüber im Klaren, dass die City ein wesentlicher Motor der britischen Wirtschaft sein konnte", urteilt der Regierungshistoriker Peter Hennessey. Um den Finanzmärkten zu beweisen, dass New Labour sich in ihre Belange nicht weiter einmischen würde, überließ der Schatzkanzler Gordon Brown zwei Tage nach seinem Amtsantritt der Bank of England die Hoheit über die Leitzinsen.

Aber der City mehr Freiheit zu geben sollte nur Mittel zum Zweck sein. Das eigentliche Ziel war eine sozial gerechte Gesellschaft mit einem verantwortungsvollen Sozialstaat. Dafür brauchte Blair viel Geld. Er versprach, das Gesundheitssystem auszubauen, das Bildungssystem zu erneuern, nahm sich die Abschaffung der Kinder- und Rentnerarmut zum Ziel und kündigte die Einführung des Mindestlohns an – und das war erst der Anfang.