Auf den Tod folgt die Trauer folgt die Auferstehung. Es ist Tag 16 nach der Katastrophe von Smolensk, als Jarosław Kaczyński erklärt, er werde für das polnische Präsidentenamt kandidieren. Anstelle seines Zwillingsbruders Lech wird er auf Plakaten posieren, Reden an die Nation halten und sich im Wahlkampf aufreiben. Manchen, der den Mühen dieses Mannes zuschauen wird, dürfte die Erinnerung schaudern lassen: Jarosław sieht seinem verunglückten Zwillingsbruder Lech zum Verwechseln ähnlich; wer in sein Gesicht blickt, denkt das des Verunglückten mit.

Wie könnte ein politischer Gegner also einen Wahlkampf gegen das Gedenken führen? Und Jarosław Kaczyński, der schon einmal Premierminister war, hat in der Vergangenheit Politik so gemacht, wie man sie sich nicht wünscht: unversöhnlich, polarisierend, selten im Hier und Jetzt. Das mag fern sein, vergessen ist es in Polen nicht.

Ein Mann stirbt, und sein Bruder will dessen Aufgabe zu Ende bringen – das ist der Stoff, aus dem Tragödien sind. An Bord der Maschine in Richtung Smolensk saßen nicht nur Jarosławs einziger Bruder und seine Schwägerin, sondern auch politische Freunde aus der eigenen Partei. Es heißt, von allen Seiten sei er bedrängt worden zu kandidieren – eine Alternative gab es nicht. Andere Kandidaten, die für das Amt infrage gekommen wären, saßen ebenfalls mit an Bord.

Jarosław Kaczyński, der sein Leben der Politik gewidmet hat, hat dem Drängen nachgegeben. Schmerz und Trauer sind ihm in diesen Tagen deutlich anzusehen, aber das persönliche Leid, schreibt Kaczyński, müsse überwunden werden.

Eine solche Entscheidung verdient Respekt. Für einen Augenblick griff Jarosław Kaczyński nach der Chance, wahre Größe zu zeigen – und fasste doch daneben.

"Wir sind dies den Opfern von Smolensk schuldig", schreibt er als Begründung für seine Kandidatur. "Das tragische Ende des Präsidenten, der Tod einer polnischen patriotischen Elite heißt für uns nur eines: Wir müssen ihre Mission beenden. Das sind wir ihnen schuldig, das sind wir unserem Vaterland schuldig."

Schuldig? Mission? Wovon ist hier die Rede?

Was sollen die Hinterbliebenen schuldig sein – und wem? Einen Auftrag der Verstorbenen hat es nicht gegeben, der erfüllt werden müsste. Jarosław Kaczyński interpretiert, was nicht in seiner Macht steht. Als Betroffener erteilt er sich selbst die Vollmacht, festzulegen, was man den Opfern schuldig sei. Aber die Hinterbliebenen sind nichts schuldig – außer vielleicht der Verantwortung, einen fairen Wahlkampf um das Präsidentenamt zu führen. Denn dieser Wahlkampf wird zweifelsohne besonders werden – aber er bleibt doch nur ein Wahlkampf und keine Mission: Mehrere Bewerber kandidieren um das höchste Staatsamt, am 20. Juni entscheiden die Wähler.