Die Nachrichten, die Anfang der fünfziger Jahre in Washington eintrafen, waren beunruhigend: Mit aller Macht rüstete die Sowjetunion auf; innerhalb von fünf Jahren war der alte Verbündete aus den Tagen des Zweiten Weltkriegs zum Todfeind geworden. Nicht allein, dass sowjetische Physiker bereits im Oktober 1949 die Atombombe gezündet hatten. Deutsche V2-Techniker, nach 1945 zwangsrekrutiert und jetzt heimgekehrt, berichteten von den Erfolgen der Russen in der Raketentechnik. Amerikanische Militärattachés meldeten, das Land habe neue Langstreckenbomber gebaut. Schon bald könnte es über atomar gerüstete Interkontinentalraketen und eine strategische Bomberflotte verfügen. Hatten die Sowjets die Vereinigten Staaten in der Rüstung überholt?

Aufklärung tat not. Satelliten gab es noch nicht, als Spionagemittel kam nur ein in großer Höhe fliegendes Flugzeug infrage, ausgerüstet mit einer Spezialkamera. Ein Entwurf der Firma Lockheed machte das Rennen – ein von einem starken Turbojet angetriebenes Langstrecken-Aufklärungsflugzeug, das es über 20.000 Meter hoch schaffte und damit für die Luftabwehr unerreichbar war. Denn die Abfangjäger konnten nicht so hoch fliegen, die ersten Boden-Luft-Raketen nicht so präzise zielen. 1956 standen 25 dieser spartanisch ausgestatteten Maschinen bereit, genannt "U-2". Nun konnte Operation Overflight beginnen, die erfolgreichste Spionageaktion in der Geschichte des amerikanischen Geheimdienstes CIA.

Von ihren Flügen kehrten die Piloten mit Tausenden bestechend scharfer Aufnahmen zurück. Die Auswertung erbrachte zwei wichtige Ergebnisse. Erstens: Die Sowjetunion war weit davon entfernt, eine strategische Bomberflotte aufzustellen. Und zweitens: Beim Bau von Langstreckenraketen hatte Moskau offenbar große Fortschritte erzielt.

Der Start des Sputniks am 4. Oktober 1957 bestätigte die Befürchtung, dass die Sowjetunion die USA in der Raketentechnik tatsächlich überholt hatte. Damit stand das Hauptziel der künftigen Flüge fest: Die Piloten sollten die Raketentestgelände und Atomzentren hinter dem Eisernen Vorhang ausspähen. US-Präsident Dwight D. Eisenhower war sich der politischen Brisanz der Flüge bewusst, die sämtlich von der sowjetischen Luftabwehr registriert worden waren. Auf einem Gipfeltreffen, das für Mitte Mai 1960 in Paris angesetzt war, wollte er die Chancen für eine Entspannung ausloten. Er ordnete daher an, dass der letzte Überflug bis zum 26. April beendet sein sollte, verschob den Termin aber wegen schlechten Wetters mehrmals bis zum 1.Mai. Zwei Wochen blieben noch bis zum Pariser Gipfel.

Welch ein symbolisches Datum der 1. Mai war, hatte offenbar niemand in Washington bedacht: Neben den Jahrestagen der Oktoberrevolution und des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg war der 1. Mai einer der hohen Festtage – eine Gelegenheit für die Kreml-Führung, auf dem Roten Platz in Moskau eine Militärparade abzunehmen und Stärke zu zeigen. Ein Spionageflug just an diesem Tag musste Nikita Chruschtschow, den Ersten Sekretär des Zentralkomitees, zutiefst demütigen. Ein gutes Verhandlungsklima in Paris war damit ausgeschlossen. Noch Jahrzehnte später sollte man über Eisenhowers Entscheidung rätseln: Panne oder Kalkül?

Am frühen Morgen des 1. Mai startete der Air-Force-Pilot Francis Gary Powers von Peschawar in Pakistan. Die rund 6100 Kilometer lange Strecke – der 24. Überflug insgesamt – führte über Baikonur, Swerdlowsk, Plessezk und Murmansk bis nach Bodø in Norwegen. Die Umstände waren alles andere als günstig: Der Pilot war nicht ausgeruht, sein Flugzeug schlecht gewartet, die Route zu lang, die Ziele waren ehrgeizig gesetzt. Schon kurz nach dem Start fiel der Autopilot aus. Hinter der sowjetischen Grenze bemerkte Powers tief unter sich mehrere Abfangjäger. Er wusste, dass sie ihn nicht treffen konnten. Wenn es allerdings zu einem Flammabriss des Turbojets kam, was öfter geschehen war, müsste er für einen Neustart der Maschine tiefer fliegen.

Unterdessen rüstete sich 3000 Kilometer weiter nordwestlich Moskau zur Maiparade. Noch vor dem Aufbruch zum Roten Platz erreichte Chruschtschow die Nachricht, dass wieder ein Spähflugzeug das Land überflog. Der Erste Sekretär tobte. Man werde die Maschine abschießen, versprach Sergej Birjusow, Chef der Luftabwehr. Chruschtschow, zu oft enttäuscht von seinen Generälen, wollte es nicht glauben. Birjusow sah seine letzte Stunde als Marschall der Sowjetarmee gekommen.