Die Besonderheit der Rhetorik, sagt Aristoteles, liege darin, dass sie keinem bestimmten Wissensgebiet zuzuordnen sei; jeder wolle den anderen überzeugen. Diese Einsicht des Begründers der Disziplin scheint in Tübingen manche Professoren zu einer seltsamen Ansicht verführt zu haben. Nur weil sie in der akademischen Lehre beredt sind, glauben sie, sie hätten zur Lehre der Beredsamkeit Substanzielles beizutragen. So im aktuellen Streit um die Berufung eines Rhetorikprofessors in Tübingen.

In Tübingen gibt es den europaweit einzigen Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik, eingerichtet 1967 von Walter Jens. Seitdem hat das Seminar international maßgeblich zum Ruf der Universität beigetragen, vor allem aber zur Erforschung der Disziplin. Gert Ueding, um dessen Nachfolge es nun geht, betreut mit dem Historischen Wörterbuch der Rhetorik eines der bedeutendsten geisteswissenschaftlichen Grundlagenwerke der letzten Jahrzehnte. Die Forscher des Rhetorikseminars haben den Theorieschatz der alten Rhetorik aktualisiert und dem Fach ein eigenständiges Profil verliehen, das der "Tübinger Rhetorik". Dieses Profil steht nun auf dem Spiel.

Vordergründig geht es um Formalitäten. Die Berufungskommission sprach sich einstimmig für einen Bewerber aus, der in Tübingen Rhetorik studiert hat und jetzt in Berlin lehrt. Der Senat hatte die Berufung zunächst gebilligt, dann aber festgestellt, dass dem Kandidaten die qualifizierte Mehrheit fehlte. In der Zwischenzeit war ein anonymer Brief aufgetaucht, der der Kommission Befangenheit vorwarf. Der Fall kam erneut zur Abstimmung, und die Mehrheit im Senat setzte eine Neuausschreibung mit verändertem Text durch.

Die Kritiker monieren, dass in der Kommission zwei ehemalige Vorgesetzte des favorisierten Kandidaten saßen, einer davon Joachim Knape, der Inhaber des zweiten Rhetoriklehrstuhls. Zudem sei eines der drei Gutachten über den unterlegenen Kandidaten von einem dem Seminar nahestehenden Professor erstellt worden. Ferner sei der Ausschreibungstext zu sehr auf die Neuzeit bezogen, auch schließe die Anforderung, das Fach in seiner historischen Tiefe und systematischen Breite zu beherrschen, viele Kandidaten aus. Ein sonderbarer Vorwurf, denn darin liegt schließlich der Sinn einer profilgerechten Ausschreibung.

In der Tat war es nicht sonderlich umsichtig, bei 14 Bewerbern nur zwei Kandidaten auf die Favoritenliste zu setzen und den zweiten Platz frei zu lassen. Dass allerdings praktisch jeder Rhetorikexperte im In- und Ausland Verbindungen nach Tübingen pflegt, kann kaum erstaunen. Ebenso abwegig ist der Vorwurf, Knape habe als Lehrer des präferierten Kandidaten im Berufungsausschuss gesessen – er ist der einzige amtierende Professor des Fachs. Erst recht merkwürdig wird es, wenn in einem fachfremden Gremium wie dem Senat über die inhaltliche Ausrichtung der Rhetorik diskutiert wird.

Der Rektor der Universität sagt, er sei "von dem Verfahren befremdet gewesen", nachdem die Fakultät in seltener Einigkeit über Ausschreibung und Kandidaten entschieden hatte. Manche Wortführer im Senat hätten versucht, das Fach wahlweise zur Kommunikationswissenschaft zu erweitern oder es zu einer Art Rede- und Schreibwerkstatt umzufunktionieren. Am besten, vermuten andere, mit einem bekannten Gesicht an der Spitze. Dessen fachliche Qualifikation scheint weniger wichtig. Die neue Bewerbungsrunde startet im Sommer. Für Tübingen ist es die Entscheidung zwischen rhetorischer Lehre und rhetorischer Leere. Sven Behrisch