Jetzt geht es in die Pilze. Ausgerechnet heute, an einem Tag im April. Aber für Matthias Kinne ist immer Pilzsaison. Er muss auch nicht warten, bis die Pilze groß und essbar sind. Der 30-Jährige ist Biotechnologe; Pilze sind für ihn als Mikroorganismen zu jeder Zeit interessant und wertvoll.

Eifrig gestikulierend und fast ohne Pausen redend, steht er im Labor und erzählt über seine Pilze und darüber, wie er ihnen Stoffe entlockt, die vielleicht einmal ganze Produktionsprozesse revolutionieren können. Er hat in Deutschland studiert und sich in Großbritannien qualifiziert. Er hat über die Pilze eine Dissertation geschrieben und wird, wenn er sie erfolgreich verteidigt, bald den Doktortitel in der Tasche haben. Er will dann noch einmal für zwei Jahre ins Ausland gehen, in die USA, und ein postgraduales Studium absolvieren. Danach steht die Habilitation auf seinem Lebensplan und eine Karriere als Universitätsprofessor.

Das alles erzählt er in dem kleinen Labor in einem Hinterhaus in Zittau. In dem Gebäude mit der Adresse Markt 23 bereitet er sich auf seine Promotion vor. Es ist ein Haus aus dem 18. Jahrhundert und war einst Hotel, Lazarett, Studentenwohnheim und Mensa. Heute ist es der Sitz von Sachsens kleinster Uni, dem Internationalen Hochschulinstitut, kurz IHI genannt. "Kleinste Uni" darf sich das IHI zwar offiziell nicht nennen, weil es keine Universität ist. Aber es ist eine universitäre Einrichtung des Freistaats, was dazu verleitet, mit dem Kurzwort Uni zu kokettieren.

Völlig zu Recht kann sich das IHI dagegen mit einem anderen Superlativ schmücken: Es ist die sächsische Hochschule mit dem höchsten Anteil an Ausländern. 150 Studenten und 45 Doktoranden gibt es hier, und die Hälfte von ihnen kommt nicht aus Deutschland. Nimmt man nur die Studenten, sind sogar fast zwei Drittel Ausländer, die meisten von ihnen Polen.

Anna Porada ist eine von ihnen. Sie kommt aus dem kleinen Ort Pobiedna, 40 Kilometer östlich von Zittau mit seinen rund 25.000 Einwohnern (1990 waren es noch 10.000 mehr). Wie Matthias Kinne hat auch sie schon ein Studium absolviert, bevor sie ans IHI kam. An einer Filiale der Wirtschaftsuniversität Wrocław (Breslau) erwarb sie in Jelenia Góra (Hirschberg) ihren Mastertitel. "Hier in Zittau möchte ich mich in der Fachrichtung Projektmanagement qualifizieren", sagt die 25-Jährige. Danach will sie wieder zurück nach Polen gehen und dort einen Job finden, idealerweise bei einer deutschen Firma. Das möchte auch die gleichaltrige Małgorzata Królicka. Ihre Heimat Olsztyn liegt mit 700 Kilometern viel weiter weg als die von Anna Porada, aber Biografien und Lebensziele ähneln sich. In Olsztyn hat Małgorzata Biotechnologie studiert und mit dem Master abgeschlossen. Am IHI in Zittau eignet sie sich weiteres Spezialwissen an und möchte später einmal promovieren.

"Die Leute, die zu uns kommen, sind keine blutigen Anfänger mehr, die nach dem Abitur einfach mal schauen wollen, was so geht", sagt Albert Löhr. "Die wissen, was sie wollen." Der Professor für Wirtschaftsethik ist Rektor des IHI. Er steht seit 2004 an dessen Spitze und lehrte zuvor in Nürnberg. Dort hat er auch all die Nachteile erfahren, die eine große Universität mit sich bringt: Hörsäle mit Hunderten von Studenten, immer wiederkehrende Vorlesungen streng nach Vorschrift, Masse statt Leidenschaft.

In Zittau dagegen ist alles klein und übersichtlich. Bequem ist es allerdings nicht. "Hier fällt es ja sofort auf, wenn jemand nicht richtig mitmacht oder gar nicht zu den Vorlesungen oder Seminaren kommt", sagt Löhr. Anna Porada sieht in dieser Überschaubarkeit vor allem Vorteile: "Die Mitarbeiter des Instituts sind für uns da – auch, wenn wir mal persönliche Probleme haben." Deutsch zu lernen funktioniert in kleinen Gruppen wesentlich besser als in großen. Seit einem halben Jahr ist sie jetzt am IHI und besucht zunächst einen Deutsch-Intensivkurs. Den braucht sie, um die DSH zu bestehen, die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang.