Grüne Polsterstühle auf gelbem Linoleum, von Neonröhren in fahles Licht getaucht – die Manet-Grundschule im Leipziger Kolonnadenviertel wird beherrscht von der Ästhetik des Sozialismus und den barocken Klängen, die aus einem Klassenzimmer dringen: Johann Sebastian Ba-a-a-ach, immer wieder und immer höher intoniert von sieben Jungen, die bald im Matrosenanzug vor Publikum stehen werden, in Leipzig , in Istanbul , in New York . Sie singen dann wieder Bach, doch nicht mehr seinen Namen, sondern die Matthäus-Passion, das Weihnachtsoratorium und all die Choräle, Kantanten und Motetten, von denen es heißt, nur der Thomanerchor bringe sie so zum Klingen, wie ihr Schöpfer sie habe hören wollen.

2012 wird Leipzig das 800-jährige Bestehen des Chores zelebrieren; die Thomaner sangen zu Gottesdiensten, Krönungen, Messen, Wahlen und Hinrichtungen – letzter Anlass dieser Art war die Enthauptung Christian Woyzecks auf dem Markt 1824. Als Bach nach Leipzig kam, jammerte er über die schlechte Qualität des Chores, wurde Thomaskantor und blieb es 27 Jahre.

Weder "Drittes Reich" noch DDR brachten den Chor zum Verstummen, immer gab es Kinder genug für das Soli Deo Gloria , das Allein zur Ehre Gottes . Das wird sich ändern. Thomaskantor Georg Christoph Biller wird es noch gelingen, den Chor zum Jubiläum von 93 auf über 100 Thomaner zu vergrößern, kritisch aber werden die Jahre danach. Thoralf Schulze, der Leiter des Alumnats, sagt: "Wir wollen nur die Besten, doch wegen der demografischen Entwicklung haben wir immer weniger Auswahl." Dabei habe der Thomanerchor viel zu bieten; er meint die Thomasschule auf der anderen Straßenseite, die zu den drei besten Bildungseinrichtungen Sachsens zähle. "Jeder unserer Viertklässler hat eine Bildungsempfehlung für das Gymnasium bekommen", sagt er. Ob sich in den nächsten Jahren genügend Kinder für den Chor und das Leben im Alumnat finden, kann Schulze nicht beeinflussen. Denn die Zukunft des Knabenchores liegt in den Händen von Frauen.

Frauen wie Angelika Mees, einer von zwei Musikpädagoginnen, die den Nachwuchs rekrutieren. 70 Leipziger Kindergärten hat Mees im vergangenen Jahr besucht, ihr Ziel: die Jungen in den Vorschulgruppen. Sie spielt mit ihnen, lässt sie Regentropfen und Fliegen imitieren, Kinderlieder singen und weiß schnell, wer zurückdarf zum Spielen und wer bei ihr bleibt, Tonleitern singt und vielleicht bald Bach. "Wir müssen die Kinder dreimal hören, erst dann laden wir sie zum Vorsingen ein", sagt Mees. Das Vorsingen entscheidet über die Aufnahme in die Manet-Grundschule, wo Mees die Schüler musikalisch auszubilden beginnt.

Nicolo ist acht und verzichtet auf vieles, was ihm Spaß macht

Die Pfälzerin ist überzeugt, musisches Talent zu sehen: "In 70 Prozent der Fälle müsste ich geeignete Schüler nicht singen hören. Ich erkenne sie oft an ihren beseelten Gesichtern." Diese findet sie vor allem in Kindergärten der Südvorstadt, von Gohlis-Süd und Mitte; selten in den Plattenbaugebieten von Schönefeld oder Grünau: "die tägliche Anreise zur Manet-Grundschule wäre zu aufwendig", sagt sie.

Singen ist für die Pädagogin ein Leistungssport. Mit Fußball steht sie in Konkurrenz, weil Schüler wie der Erstklässler Jan die schönsten Stimmen ihrer Klasse haben, doch nicht still sitzen können, nervös sind und, nach ihrem Berufswunsch gefragt, "Fußballer" rufen und nicht "Thomaner". Im vergangenen Jahr habe sie einen Jungen an den Fußball verloren, der sehr begabt gewesen sei, überragend sogar, dessen Eltern seine musikalische Ausbildung förderten, der aber nicht in den Chor wollte – "damals habe ich geweint, weil ich so viel in ihn investiert hatte".

Auch Nicolo spielt gern Fußball, doch möglich ist das nur noch am Wochenende. Der Achtjährige geht in die zweite Klasse, ein ruhiger Schüler, der auf der kleinen Tafel mit den Stunde für Stunde notierten Verhaltenspunkten gut abschneidet und sich, so sagt Mees, viel Mühe gebe. Sandra Weigert, seine Mutter, lässt wenig vom Ehrgeiz anderer Eltern spüren, die ihr Kind unbedingt im Chor sehen wollen und bei Elterngesprächen zittern aus Angst, der Sohn könne "aussortiert" werden, wie Mees es nennt. "Für uns kam die Einladung zum Vorsingen aus heiterem Himmel, wir wussten nicht, dass Nicolo musikalisch ist", sagt Sandra Weigert. Ihr Sohn will einmal Thomaner sein, "singen und reisen", und hat doch ein schlechtes Gewissen: "Meine Mama ist dann allein, weil der Papa auf Montage ist." Die Mutter bewundert den Sohn: "Er verzichtet auf so viel, was ihm früher Spaß machte. Freizeit hat er kaum noch, doch er will es so."