"Nein, nicht schon hier!", schreit die Beifahrerin. "Demnächst rechts abbiegen, demnächst", wiederholt sie die Anweisung des Navis. Es gelingt mir nur knapp, das Lenkrad herumzureißen und weiter am Abgrund des Rebhangs entlangzufahren wie schon gefühlte zehn Kilometer. Auf der Anhöhe kreuzt ein anderes Sträßchen unseren schmalen Weg. Kein Schild und keine Auskunft des Navigationsgerätes. Es war so einfach, auf der Autobahn bis zur Ausfahrt Efringen-Kirchen im Südwestzipfel Deutschlands zu fahren. Aber hier verlässt mich kurzzeitig die erwartungsvolle Freude, die sich sonst immer einstellt, wenn ich mich einem unbekannten Restaurant nähere.

Wobei mir die Traube in Blansingen so unbekannt nicht ist. Ich war schon vor 15 Jahren dort, als das Ehepaar Albrecht das Dorfhotel mit der anspruchsvollen Küche erfolgreich führte. Dann sind die beiden nach Frankreich verzogen. Jetzt macht ihr Nachfolger, Nikolai Weisser, von sich reden. Ein Stern im Michelin und der Ruf, ein Geheimtipp zu sein. Schließlich erreichen wir die ersten Häuser von Blansingen. Eine enge Dorfstraße, das Hotel und daneben ein hauseigener Parkplatz, vollgeparkt. Immerhin ist es Mittagszeit, und so viele Gäste?

Alle Restaurantkritiken und Kolumnen von Wolfram Siebeck im Überblick © Britta Pedersen/dpa

Dass drinnen jeder Tisch besetzt ist, liegt jedoch an der geringen Größe der Gaststube. Sie ist, wie ich sie in Erinnerung habe, spartanisch eingerichtet. Weiße Wände, Holz, picobello sauber und keine geräuschdämpfenden Polster. Vier Krawattenträger am Nebentisch treiben den Schallpegel in den roten Bereich. Das habe ich nun davon, dass ich so oft gegen Musikberieselung in Restaurants polemisiert habe! Vivaldi würde dies alles dämpfen. So erfahren wir einiges über den Export von Haartrocknern nach Bulgarien und verstehen Herrn Weisser nicht, der das Amuse-Gueule ankündigt. Was er dann bringt, ist auch ohne Namen hervorragend. Die Traube bietet mehr als gute Dorfgastronomie. Genau genommen, handelt es sich hier um ein Liebhaberobjekt mit unbegrenzten Möglichkeiten.

Die neuen Besitzer haben das kleine Hotel mit einem so unglaublich schicken Ambiente versehen und für die Küche mit Henrik Weiser ein so ungewöhnlich starkes Talent entdeckt, dass der Michelin-Stern und die Beliebtheit bei den Gästen nicht verwundern.

Chefkoch Henrik Weiser ist 35 Jahre alt, hat in Hamburg, im Tafelhaus und im Le Canard, Erfahrungen gesammelt und erinnert sich dankbar an seine Zeit bei Lothar Eiermann im Schlosshotel Friedrichsruhe, dessen Hingabe an die Produktqualität auch den Menüs in der Traube (von 73 Euro bis sechsgängig 119 Euro) anzumerken ist. Eine schlanke Küche mit fehlerlosen Garzeiten und raffiniert abgestimmten Aromen. Blansingen ist eine weitere Abschussrampe, von der aus die moderne deutsche Küche die Sterne erreichen kann.

Gasthof Traube: Alemannenstraße 19, 79588 Blansingen, Telefon 07628/942378-0