Symbolträchtiger als kann die Geschichte eines Schuhs nicht beginnen: Buchstäblich die Reste des Krieges hatte der deutsche Doktor Klaus Maertens zusammengeflickt, um daraus Neues zu schaffen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schusterte er aus Teilen von Wehrmachtsuniformen einen neuen Schuh. Der sollte nicht dazu dienen, andere niederzutreten, sondern eine Wohltat für den Fuß sein. Ein Friedensschuh. Dieser Prototyp war der Vorgänger des Dr. Martens, jenes klobigen Arbeiterschuhs, der wie kaum eine andere Fußbekleidung stilbildend für die Nachkriegszeit wurde.

Erst 15 Jahre nach seiner Erfindung, vor 50 Jahren, kam der Schuh auf den Markt. Der britische Hersteller R. Griggs & Co. kombinierte den Entwurf von Maertens mit einer superweichen Sohle und proklamierte ihn so als Arbeitsschuh. Ideal für alle, die viel laufen müssen, wie Polizisten oder Briefträger.

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Weil der Schuh beim Arbeiter beliebt war, wurde er auch zum bevorzugten Accessoire all derer, die ihre Nähe zur Arbeiterklasse ausdrücken wollten. Einer der ersten prominenten Träger der Dr. Martens war der britische Sozialist Tony Benn. Den Schuh-Trick griff auch die Jugendkultur der sechziger Jahre auf. Über die Grenzen Englands hinaus wurden die "Docs" zur Uniform der Punks und Skinheads. Die Schuhe mussten alle Arten von jugendlicher Kreativität über sich ergehen lassen: Sie wurden aufgeschnitten, um die Stahlkappen freizulegen, angemalt, abgeschabt, mit Nieten beschlagen. Alles, um die Street-Credibility ihrer Träger sichtbar zu machen. Unvergessen ist, wie in den achtziger Jahren der Popmusiker Paul King im Video zu dem Song Love and Pride seine "Docs" mit Lack besprühte.

Kaum ein Schuh funktionierte so zuverlässig über Generationen hinweg als Schuh des Protests. Auch wenn die Trägerschaft sich längst ausgeweitet hatte auf Menschen, die des Straßenrowdytums unverdächtig waren, wie das Model Agyness Deyn oder den Dalai Lama. Seit einigen Jahren sind die klobigen Stiefel wieder häufiger auf den Straßen zu sehen. In bunten Farben oder in der klassischen "Vintage"-Version – obgleich sie wirklich hässlich sind. Das Geheimnis ihrer Unsterblichkeit ist einfach: Sie sind bequem. Ganz so wie die noch viel hässlicheren Crocks. Man kann schon froh sein, dass die nicht auch schon vor 50 Jahren erfunden wurden.