Da haben wir den Frühling! Doch das Gefühl dazu heißt Phlegma. Den Bundestagswahlkampf haben wir gelangweilt ertragen, es ging zwar um uns, ganz um uns, aber inzwischen ödet es uns an, dieses "uns". Wir haben die entschleunigten Jahreswechselansprachen überstanden mit all ihrem "wir müssen", "wir dürfen nicht", und was ist geblieben? Post-Coitum-Traurigkeit, Je-m’en-foutisme . Wo ist das große "Wir" bloß hin? Was ist aus unserem Neubeginn geworden? Eine von Krankenkassenbeiträgen und der Schlaglochproblematik bedrohte Ich-AG unter einem unbevölkerten Himmel.

Himmel? Lange wussten wir: Gott würfelt nicht. In diesem Frühjahr erfahren wir: Er ist eher Tischfeuerwerker, und wir sind Homo sapiens genug, bald zu wissen, was Sekunden nach dem Urknall geschah, als die Erde noch in der Fruchtblase crawlte. Physiker des Forschungs-Grals Cern simulierten diesen Zustand der Welt nach der Knall-Werdung. Warum können wir nun nicht beginnen, unseren Zustand nach der Polschmelze oder nach der Finanzkrise zu simulieren, also auf das mögliche Ende zu blicken? Weil solche Forschungen, wie gerade publik geworden, von der Industrie diskreditiert werden? Ja, die letzten Fragen der Menschheit schaffen es immer nur auf einen der letzten Plätze in den Nachrichten. Auf die ersten Plätze schaffen es Pendlerpauschale und Heimwehzulage.

Anders gesagt: Nicht Osama bin Laden, den Kohlschen Parteispenden, der Ermordung russischer Regimegegner kommen wir auf die Spur, aber der Entstehung des Weltalls. Nicht die Gletscher, die Artenvielfalt, das Weltklima retten wir, sondern die Genkartoffel, das Ministerpräsidenten-Sponsoring, den guten Ruf und die Umfrageergebnisse. Die Tagespolitik ist dazu da, von den Jahrhundertveränderungen abzulenken.

Das Jahr 2010 begann, und man dachte: Wie so weit und still die Welt! Überall saßen Eminenzen zwischen Kerzen und sagten, was wir sollen, sie sagten es sanft, damit sich ihre Worte nicht noch zu unseren Schrecken addieren. Angela Merkel stimmte uns auf ein hartes Jahr ein. Ihr eigenes wird so hart nicht werden dank windelweicher Rhetorik und einem Phantomschmerz namens SPD.

So sind denn auch aus Kopenhagen die Demonstranten ganz leise wieder heimgezogen. Ganz unbemerkt haben auch die Studenten ihre Streiks eingestellt, waren doch die Professoren oft radikaler gewesen als ihre Pflegebefohlenen. Durch den Lärm des Schweigens drang nichts, und die einzige Ruhestörerin in diesem Frieden war eine Frau, die den Papst am Weihnachtstag umriss. Aber sie wollte ihn bloß umarmen, und um das zu wollen, sprach die publizistische Ferndiagnostik, muss man schon "geistig verwirrt" sein.

Prophetisch, hat doch die Kirche seither dem Umarmen seinen guten Ruf genommen und den Eindruck erzeugt, als schändeten ihre Priester seit Jahrzehnten der Verjährung entgegen. Könnte es sein, dass sich so viele Ausnahmen allmählich zur Regel verdichten, dass ein totalitäres System wie die Kirche dergleichen zwangsläufig hervorbringt oder, wie Dieter Hildebrandt so bündig fragte: "Die Kirche spricht von sexuellem Missbrauch? Versteh ich nicht. War doch Brauch!"

Doch der Vatikan ist kein Spielfeld und kein "Wiesenhof": Beim DFB wurde die Fummelei unter Schiedsrichtern mit Runden Tischen nicht unter "lebenslänglich" bestraft, und kaum wurde der Verdacht ruchbar, bei Wiesenhof seien Hühner, wenn nicht sogar minderjährige Hähnchen, systematisch misshandelt worden, kam es zu einer Strafanzeige. Tierschutz ist eben manchmal schneller als Menschenschutz.