Auch wenn das Mantra von Wirtschaftswachstum und materieller Wohlstandsmehrung in Ländern wie Deutschland einiges von seiner einstigen Wirkkraft eingebüßt haben dürfte, prägt es nach wie vor Denken, Fühlen und Handeln vieler. Zusammen mit der Bundeskanzlerin sind sie der Auffassung: "Ohne Wachstum keine Investitionen… keine Arbeitsplätze… keine Gelder für die Bildung… keine Hilfe für die Schwachen. Und umgekehrt: mit Wachstum Investitionen, Arbeitsplätze, Gelder für die Bildung, Hilfe für die Schwachen. Und am wichtigsten: Vertrauen bei den Menschen."

Da ist es nur folgerichtig, wenn 81 Prozent der Deutschen erklären: "Wir brauchen weiterhin wirtschaftliches Wachstum", 73 Prozent: "Ohne wirtschaftliches Wachstum kann Deutschland nicht überleben" und 61 Prozent: "Ohne Wachstum ist alles nichts". Oder – nochmals in den Worten der Kanzlerin – "Wachstum ist der Schlüssel zum Ganzen."

Eine dermaßen auf Wachstum fokussierte Gesellschaft kann und darf nicht wählerisch sein. Deshalb sind für sie Fragen nach der Qualität des Wachstums und nach den mit ihm verfolgten Zielen auch eher akademischer Natur. Qualität des Wachstums? Irgendwie soll es nachhaltig, umweltverträglich und ressourcenschonend sein. Doch was das heißt – darüber gehen die Meinungen auseinander.

Die Begriffe sind dehnbar, weshalb es leicht ist, sie mit unterschiedlichen Inhalten zu füllen. Und die mit dem Wachstum verfolgten Ziele? Nun, eben Beschäftigung, ein fortgesetzt steigender materieller Lebensstandard und Armutsbekämpfung.

Im Übrigen, so heißt es, sei der Mensch ganz einfach wachstumsorientiert. Wie alles Leben wolle er expandieren, bis er an unüberwindbare Grenzen stoße. Die aber seien fern. Noch stehe es ihm frei, von allem mehr zu begehren.

Trotz mancherlei verbaler Verbrämungen zählt daher vor allem das quantitative Wachstum der Wirtschaft, wie es von den Statistikbehörden aller Länder als sogenanntes Bruttoinlandsprodukt (BIP) erfasst wird. Ist diese Kennzahl hoch, gilt ein Land als erfolgreich, wenn nicht, zählt es zu den Verlieren. Internationale Vergleiche drehen sich fast ausschließlich darum, wer das höchste BIP aufzuweisen hat. Wie dieses zustande gekommen ist, interessiert allenfalls am Rande. Nur wenige wollen wissen, wie viele Bergleute um hoher Förderleistungen willen in schlecht gesicherten Schächten umkommen, wie sehr Menschen unter schadstoffbefrachteter Luft leiden, wie sich der Wasserhaushalt der Erde zuungunsten allen Lebens verändert, immer größere Landflächen versanden, versalzen, versteppen. Für viele sind das immer noch Petitessen, bedauerlich zwar, aber unvermeidlich.

Hätten die wachstumsfokussierten Gesellschaften die schädlichen Neben- und Folgewirkungen ihres Tuns mit der gleichen Sorgfalt registriert wie dessen segensreiche Wirkungen, hätten sie schon seit Generationen sehen können, dass sich ihr Wohlstand viel langsamer mehrt, als die BIP-Zahlen ausweisen und sie sich selbst glauben zu machen suchen. Selbst wachstumsbedingte Wohlstandsverluste wären ihnen nicht entgangen.

Doch an einer solch nüchternen Bilanzierung von Gewinn und Verlust waren sie nicht interessiert – weder Politiker noch Bevölkerung, weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer. Das hätte ihr Weltbild beschädigt, ihr Glaubensgebäude erschüttert. Als in den 1970er Jahren ein Bundesministerium – eher beiläufig – Experten beauftragte, die mittel- und langjährigen Kosten der damaligen Energiepolitik zu beziffern, waren die Ergebnisse so erschreckend, dass man sie einer größeren Öffentlichkeit nicht zumuten mochte. Diese sollte ihre Wachstumsträume weiter ungestört träumen können.