Die ZEIT: Herr Grosse-Bley, welche ist die beste Schlagzeile, die Sie kennen?

Ralph Grosse-Bley: Früher, als ich bei Bild war, lautete sie: Deutschland ist Weltmeister! Aber Wir sind Papst! war wohl die beste Zeile aller Zeiten.

ZEIT: Die haben aber nicht Sie gemacht.

Grosse-Bley: Nein.

ZEIT: Was wäre Ihre Traumzeile für die Schweiz?

Grosse-Bley: "Endlich: Max Göldi gesund zurück!" Oder im Hinblick auf den Sommer: "Ein Schweizer Sommermärchen: Achtelfinale gegen Brasilien". Etwas, das ein Gemeinschaftsgefühl herstellt. Mit einem Thema, das Millionen und Abermillionen emotionalisiert.

ZEIT: Der Blick will Gemeinschaft herstellen?

Grosse-Bley: Das klingt, als ob Sie annehmen, wir wollten eher spalten. Natürlich: Ein Gemeinschaftsgefühl herstellen ist für mich sehr wichtig. Es geht immer um die Frage: Was interessiert einen großen Kreis von Menschen?

ZEIT: Sie wollen also dieses Gemeinschaftsgefühl aus kommerziellen Gründen.

Grosse-Bley: Wir sind am Ende ein kommerzielles Unternehmen, das Zeitungen verkaufen will. Darauf sind wir angewiesen. Aber der Verkaufserfolg einer Zeitung ist für mich als Journalist immer auch ein Signal, dass ich gute Arbeit gemacht habe. Insofern trifft sich der kommerzielle Erfolg mit meinem Verständnis als Journalist.

ZEIT: Was macht gute Boulevardjournalisten aus?

Grosse-Bley: Gute Journalisten haben ausgezeichnete Kontakte. Sie haben eine Spürnase, wo bei einer Nachricht die besondere Geschichte liegt. Wenn man einen Fall wie den Dreifachmord in Grenchen hat, kann man einfach einen Artikel draus machen. Oder man geht über längere Zeit in die Tiefe und Breite. Den Medien wird ja oft vorgeworfen, sie trieben jeden Tag "eine andere Sau durchs Dorf". So sollte es nicht sein. 

ZEIT: Sie suchen die Säue, die am längsten laufen?

Grosse-Bley: Wir suchen schon nach Themen, die einige Tage halten, weil sie Fragen aufwerfen.

 

ZEIT: Sie machen wieder einen Blick, wie er in seinen frühen Jahren war: Crime, Seite-eins-Girl…

Grosse-Bley: Ich muss erkennen, was die Menschen wirklich beschäftigt. Früher hat man im Boulevard gern mal große Geschichten ohne Foto gemacht. Ich glaube, dass eine gute Boulevardgeschichte nur eine Geschichte über Menschen sein kann – und zwar über Menschen, die man sehen kann. Wegen der Emotionalität. Wegen der Frage: Wem kann ich in die Augen sehen?

ZEIT: Dann haben Sie die kleine Gemeindebeamtin nur auf die Frontseite gesetzt, weil sie Sadomaso-Fotos machte und Sie die im Internet fanden.

Grosse-Bley: Absolut. Ohne Fotos wäre das keine Geschichte gewesen.

ZEIT: Abgesehen davon, dass das sowieso keine Geschichte war.

Grosse-Bley: Da mag man zwischen der ZEIT und dem Blick geteilter Meinung sein. Aber ich habe auch schon gesagt, dass ich diese Geschichte aus heutiger Sicht sicher nicht nochmals machen würde. Interessant war die Sache, weil es ein beispielhafter Fall war für die Frage: Wann ist was im Internet öffentlich? Es hieß, die Bilder seien in einem gesperrten Bereich des Internets gewesen. Das stimmt schlicht nicht. Und es bleibt die Frage, ob Menschen, die im Internet Fotomaterial von sich preisgeben, auch hinnehmen müssen, dass eine gedruckte Wirklichkeit daraus entsteht.

ZEIT: Was ist Ihre Antwort?

Grosse-Bley: In dem Fall lautete die Antwort des Presserats Nein. Ich habe diese Entscheidung zur Kenntnis genommen. Aber das ist noch lange nicht zu Ende diskutiert. Wenn Sie heute sehen, wie sich die Leute für irgendwelche Party-Sites fotografieren lassen, alkoholisiert, küssend, kniend, knutschend. Was man da zeigen darf, wird immer wieder aufs Neue eine spannende Frage sein. Es gibt ein Sprichwort: "Wenn du nicht willst, dass etwas über dich in der Zeitung steht, dann sorge dafür, dass es nicht passiert."

ZEIT: Warum arbeiten Sie so viel?

Grosse-Bley: Weil es Spaß macht, diese Zeitung jeden Tag neu zu denken. Man kommt morgens und merkt, heute wird’s schwierig. Tabula rasa. 

ZEIT: Was wollen Sie sich beweisen?

Grosse-Bley: Zum Beispiel, dass all die Unkenrufe nicht stimmen, wonach die gedruckte Zeitung im Niedergang begriffen sei.

ZEIT: Wollen Sie sich auch beweisen, dass ein Gefallener wieder aufstehen kann?

Grosse-Bley: Nein. Ob ich gefallen bin…

 

ZEIT: Sie haben das Haus Ringier sehr viel Geld gekostet. Man spricht von über einer Million Franken, die man im Fall Borer 2002 überweisen musste, nachdem Blick und Sonntagsblick, für den Sie mitverantwortlich waren, dem damaligen Botschafter in Berlin eine Affäre angedichtet hatten.

Grosse-Bley: Ob ich das war? Sehen Sie mir nach: Es gibt viele andere spannende Geschichten.

ZEIT: Sie müssen doch eingestehen, dass eine Niederlage ein Antrieb sein kann.

Grosse-Bley: Es kann, aber für mich nicht. Man muss es eher anders sagen: Damals, als ich zum ersten Mal in der Schweiz bei Ringier war, fand ich ein Unternehmen vor, das mir sehr gut gefiel. Ich habe den Wechsel ganz sicher nicht bereut. Und auch in dieser schwierigen Zeit der Borer-Affäre gingen wir sehr gut miteinander um. Es sind keine Verletzungen zurückgeblieben. Deshalb haben wir uns nach einigen Jahren wieder angenähert.

ZEIT: Was ist Ihr Antrieb?

Grosse-Bley: Zeitung zu machen.

ZEIT: Man arbeitet auch aus egoistischen Gründen.

Grosse-Bley: Ein egoistisches Motiv ist es natürlich, am Ende erfolgreich zu sein. Oder einen guten Vertrag zu haben. Ich bin jeden Tag etwa 15 Stunden hier im Newsroom, so etwas kann man nur leisten, wenn es einem wirklich Spaß macht. Oder anders gesagt: Ich bin kein Genie, ich bin kein Zauberer, sondern ich bin einfach ein Handwerker. Aber als Handwerker bin ich ziemlich gut. 

ZEIT: Woher wissen Sie das?

Grosse-Bley: Man hat irgendwann ein Gefühl dafür, was man kann und was man nicht kann.

ZEIT: Was können Sie denn?

Grosse-Bley: Ich glaube, ich habe ein Gespür für Geschichten, mit denen wir die Leser erreichen.

ZEIT: Und was können Sie nicht?

Grosse-Bley: Chefredaktor der ZEIT sein. Aber immerhin hat mich Giovanni di Lorenzo, als er noch beim Tagesspiegel war, gefragt, ob ich nicht zu seiner Zeitung wechseln wolle.

 

ZEIT: Wie lange wird die gedruckte Version noch der Kern der Marke Blick sein?

Grosse-Bley: Ob das in 25 Jahren noch so sein wird, weiß ich nicht. Aber allemal noch so lange, dass mich der gedruckte Blick bis in die Pensionierung trägt. Ich bin ein Zeitungsmann. Ich werde sicherlich niemals Online-Chefredakteur. Da fehlen mir schon die technischen Voraussetzungen. Aber nochmals: Guter Journalismus setzt sich durch, und gute Zeitungsprodukte werden bleiben. Die ZEIT wird garantiert bleiben, am Ende wird sie womöglich 15 Franken kosten, und es wird Leute geben, die sich das leisten wollen. Und das ist gut so. Die Bild ist mit 60 Cent schon fast geschenkt. Der Blick kostet immerhin zwei Franken. Das ist auch nicht sehr viel. Wir sollten nicht darüber diskutieren, wie wir die Zeitung billiger machen. Wir sollten sie besser machen, und dann können wir sie auch teurer machen.

ZEIT: Was sind die Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland für Sie, handwerklich betrachtet?

Grosse-Bley: In Deutschland ist der Boulevard härter. Der Blick ist eine softere Variante. Es dreht sich um die Frage, wie weit das Publikum Skandalisierung akzeptiert. Es gibt immer mal Punkte, wo man sagt: Da müssen wir aufpassen, dass wir nicht überdrehen.

ZEIT: Zwei Drittel der Helden und Antihelden im Blick sind heute normale Leute. Keine Prominenten, keine Funktionsträger, keine Politiker. Ist das Teil Ihrer Strategie?

Grosse-Bley: In der Tat ist das Promi-Geschäft für mich nicht so wichtig. Alles, was an Stars und Sternchen herumflittert, ist heute schwieriger zu fassen für eine Zeitung. Die Internet-Konkurrenz ist massivst. Wenn da einem eine Geschichte in die Hände kommt, ist sie in der nächsten Minute online, und damit verliert die Sache irgendwann auch vom Glimmer. Da habe ich lieber spannende Geschichten von normalen Menschen, wo ich auch etwas in die Tiefe gehen kann. 

ZEIT: Auch wenn Sie das Thema nicht mögen: War der Fall Borer letztlich super für Sie?

Grosse-Bley: Wie meinen Sie super?

ZEIT: Weil Sie einmal getaucht sind. Was haben Sie daraus gelernt? Ansonsten waren Sie immer einer, der oben rumgeschwommen ist.

Grosse-Bley: Grundsätzlich ist es sicher gut, wenn es in einer Karriere nicht immer nur aufwärtsgeht, sondern wenn man auch mal fällt. Und es gilt schon die alte Weisheit: Nur wer je gefallen ist, weiß, wie es funktioniert, wieder aufzustehen.

ZEIT: Und wie haben Sie das gemacht?

Grosse-Bley: Ich hatte eine gewisse Auszeit, die ich unter anderem in der Südsee verbrachte.

ZEIT: Wo Sie ein Manuskript über den Fall Borer schrieben.

Grosse-Bley: Wer sagt das?

 

ZEIT: Sie selbst haben einem Journalisten erzählt, dass Sie dieses Manuskript schreiben. Es hatte sogar schon einen Titel: "An Eides statt".

Grosse-Bley: Es wird vieles erzählt. Es gibt kein Manuskript. Ob ich damals an ein paar Seiten geschrieben habe, um das mal zu Papier zu bringen… Eine Zeitung hat geschrieben, ich hätte Michael Ringier mit so einem Manuskript erpresst, und das ist wirklich Schwachsinn. So sehr mich das ärgert, aber zum Fall Borer darf ich substanziell nichts sagen. Alles, was ich sagen kann: Am Ende hat die Sache meinem Leben nicht geschadet.

ZEIT: Der Blick ist keine prägende Stimme mehr. Früher fürchteten sich viele Politiker vor ihm.

Grosse-Bley: Sollte der erste Teil Ihrer Aussage stimmen, dann werden wir versuchen, das zu ändern. Wir waren in den letzten Monaten in Bern nicht so aufgestellt, wie wir es uns wünschten, und da müssen wir personellen Ersatz haben. Ich hätte gern drei oder vier Korrespondenten mehr. 

ZEIT: Nach der Annahme der Minarett-Initiative schrieben Sie: "Wir sollten uns nicht schämen." Sind Sie schon Schweizer?

Grosse-Bley: Es ist eine Diskussion, ob es mir als Deutscher ansteht zu sagen: "Wir müssen uns nicht schämen." Oder ob dies in den Bereich der Anbiederung fällt. Ich finde, es muss möglich sein, so etwas für die Zeitung zu sagen. Wenn Sie mich fragen: Ich bin leidenschaftlicher Fußballfan, und ich bin bei der WM klar für die Schweiz. Die Schweizer liegen mir dann sehr am Herzen.

ZEIT: Auch aus kommerziellen Gründen!

Grosse-Bley: In der Tat. Es heißt: bad news are good news. Die Wahrheit ist, dass gute Nachrichten mehr Interesse finden als schlechte. Ein Sieg von Federer in Wimbledon lässt sich wunderbar verkaufen. Das UBS-Desaster aber zieht nicht wirklich.

ZEIT: 2007 titelte der Blick: Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz? So eine Zeile wird bei Ihnen nicht vorkommen, oder? Das wäre sonst langsam ein bisschen widersprüchlich.

Grosse-Bley: Das werden Sie bei mir nicht lesen.

Das Gespräch führten Ralph Pöhner und P eer Teuwsen