Die Öffentlichkeits- oder Medienkritik ist ein Kind der Demokratisierung. Sie begleitet und charakterisiert die Moderne genauso wie der Rechtsstaat, die Gewaltenteilung und die Bürgerrechte. Kurz nacheinander entstehen mit den politischen Massenmedien im 19. Jahrhundert zwei Traditionen dieser kritischen Auseinandersetzung: zum einen die Kritik an der Überformung der Öffentlichkeit durch den Staat; zum anderen die Kritik an der Privatisierung der Öffentlichkeit. Sie richtet sich von Anfang an gegen die Ökonomisierung der Medien.

Die aktuelle Öffentlichkeits- und Medienkritik schreibt diese klassischen Auseinandersetzungen fort, um sie an die aktuellen Risiken, denen die Demokratie ausgesetzt ist, anzupassen. Solche Risiken sind zum einen politische Institutionen ohne Öffentlichkeit – und zum anderen jene Kommerzialisierung des Medienwesens, die zur bislang unerreichten Privatisierung der Öffentlichkeit geführt hat.

Die Globalisierung hat vor allem seit den neunziger Jahren übernationale Machtzentren hervorgebracht, die sich der öffentlichen Kritik weitgehend entziehen können, weil die Öffentlichkeitsarenen nach wie vor nationalstaatlich begrenzt sind. Die Öffentlichkeit wie die Demokratie sind der Globalisierung von Politik und Wirtschaft nicht nachgewachsen. Und innerhalb der Nationalstaaten orientieren sich die Öffentlichkeitsarenen an Ballungszentren und nicht mehr an politischen Geltungsräumen wie Bundesländern, Kantonen oder Departementen.

In der ausgeprägt föderalen Schweiz entbehren viele Gemeinden sogar ganz der Öffentlichkeit (Zeitungssterben). In diesen Gemeinden ist die Demokratie in Agonie: Wenn die Öffentlichkeit fehlt, mangelt es nicht nur an Auseinandersetzungen über das Gemeinwesen, auch die Parteien schwinden und das Milizprinzip leidet.

Erst wird der Ruf aufgebaut, dann zerstört – am Ende sind alle empört

Zudem haben sich die Medien von ihren herkömmlichen Trägern – Parteien, Verbände, Kirchen – und von den sozial eingebetteten Verlegerfamilien fast vollständig gelöst. Seit der Teilung des Rundfunks in öffentlich-rechtliche und private Radio- und TV-Betreiber bilden sie ein weitgehend marktabhängiges Teilsystem, das sich am Medienkonsumenten und nicht mehr am Staatsbürger orientiert.

Die Verortung der Öffentlichkeit zwischen Privatheit und Staatlichkeit ist aus der Balance geraten. Die Kommerzialisierung und der damit einhergehende Konzentrationsprozess führten zu einer Reduktion der Medienvielfalt und zu einer Durchdringung der Medieninhalte mit dem, was intensive Beachtung findet, günstig produziert und in möglichst viele Kanäle abgefüllt werden kann. Der Verlust an Medienvielfalt spiegelt sich in der Nachrichtenauswahl, den Interpretationen und den Darstellungen.

Solche Entwicklungen beeinflussen die Demokratie: Auf der einen Seite verlieren wir durch supranationale Entscheidungszentren an demokratischer Regulierung. Und auf der anderen Seite haben die Medien den Staatsbürger durch den Medienkonsumenten ersetzt. Die Politik wie alle anderen Teilbereiche der Gesellschaft müssen sich der neuen Medienlogik anpassen. So haben wir es in den Medien mit dem Abbau von Ressorts und damit von Spezialwissen über wesentliche Teilbereiche der Gesellschaft zu tun. Außerdem werden dieselben Inhalte in verschiedene einst eigenständige und stolze Titel abgefüllt, unabhängige Redaktionen in "Newsrooms" für alle möglichen Titel zusammengezogen und Korrespondentennetze abgebaut.

Bei den Medieninhalten ist eine zunehmende Personalisierung, Privatisierung und Skandalisierung feststellbar. Es gibt weniger publizistische Auseinandersetzungen um die Bedeutung und Bewertung von Ereignissen, die Parlamente verlieren an Aufmerksamkeit – zugunsten der Exekutive. Und die politischen Akteure passen sich der neuen Medienlogik an. Insgesamt haben wir es mit einem moralisch-emotional stärker aufgeladenen Newswettbewerb zu tun.

 

Dem folgt auch die Wirtschaftsberichterstattung, sie betreibt heute ein Karussell von Reputationsaufbau und -zerstörung, feiert Branchen- und Firmenhypes im Rhythmus von Quartalsabschlüssen, alles auf Kosten der Reflexion ökonomischen Handelns. Die Frühwarnfunktion öffentlicher Auseinandersetzungen konnte sie nicht erfüllen.

Freilich betrifft dies nicht alle Informationsmedien im gleichen Maß. Die Medien beliefern ihre Zielgruppen mit unterschiedlichen Aufmerksamkeitslandschaften auf der Basis von Ausbildung, Kaufkraft, Alter, Geschlecht und Herkunft. Medien für niedrige Bildungsschichten und jüngere Menschen betreiben einen Journalismus, in dem sich die Welt in human interest auflöst. Sie erscheint als Kette von Krisen, Katastrophen und Kriegen.

Diese neuen Spielregeln des Kampfes um Aufmerksamkeit haben sich auf die Politik übertragen. Die Empörungsbewirtschaftung der Boulevard- und Gratismedien prägt auch sie. Politik wie medienvermittelte Kommunikation treffen sich in empörungsträchtigen Events.

Diese neuen Resonanzchancen verändern das Ensemble der politisch relevanten Akteure: Wo die Medienqualität rasch erodiert ist und die Gratiskultur floriert (wie in den Niederlanden, der Schweiz und Österreich) oder wo schon gar keine Medien mit Qualitätsanspruch entstehen konnte (wie in Osteuropa), feiern populistische radikale Parteien Wahlerfolge. Und in Italien, wo die Qualitätspresse ohnehin schwach ist, hat die Politik das Format des Reality-TV angenommen.

Beim Publikum ist ein Vertrauensverlust in die Medien spürbar, zugleich ging die Einsicht verloren, dass guter Journalismus kostet. Dem Publikum fehlt weitgehend die Möglichkeit, die Qualitätsunterschiede der Medien selbst zu prüfen. Medien sind tägliche Gewohnheitsgüter, und der Vergleich verschiedener Angebote übersteigt das Zeitbudget.

Weil wir keine andere Möglichkeit haben, die Welt zu beobachten, wissen wir nicht, ob sich diese verändert oder bloß die medienvermittelte Kommunikation über sie. Die Medien färben mit ihrer Auswahl, Interpretation und Darstellung die Welt ein und beeinflussen unsere Aufmerksamkeit und unsere Erwartungen. Medien sind daher auch Vertrauensgüter. Der Nutzer muss sich darauf verlassen können, dass er vielfältig, objektiv und ausgewogen über Relevantes informiert wird, damit er sich auch als Bürger an der Gesellschaft beteiligen kann.

Was tun? Das Erste ist noch einfach, denn es handelt sich um Common Sense: Wenn den Demokraten die Demokratie lieb ist, dann gilt es, die Fama von der Cyberdemokratie endlich zu begraben. Moderne Gesellschaften lassen sich weder in twitternde Gemeinschaften auflösen noch über die thematisch geschachtelten communities des social web regulieren. Wir leben nicht in Gemeinschaften, sondern in Gesellschaften wechselseitig anonymer Bürgerinnen und Bürger. Die Mutation der Moderne zu einer Organisationsform fluider Stämme wäre kein Fortschritt, zumal eine solche soziale Ordnung gar nicht erst in der Lage wäre, das Internet am Laufen zu halten. Gesellschaften brauchen eine Öffentlichkeit, bestehend aus Informationsmedien, die unabhängig von ihrer Vermittlungsform – ob terrestrisch oder via Satellit, ob auf Papier oder via Internet – relevanten und demokratisch zu lösenden Problemen dient. Gesellschaften haben kein anderes Entdeckungsverfahren für das, was uns alle etwas angeht.

Das Zweite wird schwieriger. Wenn den Demokraten die Demokratie lieb ist, dann gilt es den wichtigsten service public liberaler Rechtsstaaten zu retten: den Informationsjournalismus. Denn der ist am Sterben. Der Weltanschauungsjournalismus, der die Publizistik nicht als Gewerbe betrachtete, ist bereits tot; ebenso zu Ende geht die darauffolgende Ära funktionierender Geschäftsmodelle, die es erlauben, durch die Verknüpfung von redaktionellen Inhalten mit Werbung Gewinne zu machen. Als Gedankenexperiment lohnt sich die Vorstellung einer Welt ohne die Internationale der Qualitätsmedien. Wie würden Nationalstaaten von außen wahrgenommen, wenn Zeitungen wie die New York Times, der Guardian, Le Monde, FAZ , DIE ZEIT und NZZ eingingen? Wir sollten uns die politischen und sozialen Folgen vorstellen, wenn die öffentlich-rechtlichen Medien ihre Informationsvermittlung weiter dem Qualitätsniveau von, sagen wir, Berlusconis Canale 5 annähern.

 

Wer Demokratie will, der muss den guten Journalismus retten

Das gefährlichste Systemrisiko der Moderne ist die uninformierte Demokratie. Um diesem zu begegnen, sind drei Maßnahmen unabdingbar.

Erstens braucht die Demokratie ein Grundangebot öffentlich-rechtlicher Medien. Diese Medien werden mitfinanziert durch unabhängige Stiftungen, die einen guten Informationsjournalismus sichern.

Zweitens braucht es eine unabhängige Qualitätsbeurteilung der Informationsmedien, die es den Nutzern erlaubt, Unterschiede wahrzunehmen und gleichzeitig diese Informationsmedien animiert, sich klar diesseits (oder aber jenseits) von Minimalstandards zu positionieren.

Drittens müssen wir mit der Medienkompetenz an den Schulen Ernst machen. Dabei geht es darum, welche Aufmerksamkeitslandschaften durch die Informationsmedien vermittelt werden. Gesellschaften, die ihren Nachwuchs über Softnews sozialisieren, verschieben weit mehr Probleme als nur Schulden auf die kommenden Generationen.

Besonders schwierig wird all dies, weil im Zeitalter der Globalisierung ein erweiterter Souverän benötigt wird: Wenn den Demokraten die Demokratie lieb ist, dann gilt es, die Demokratie über den Nationalstaat hinauszuführen. Dadurch wird dieser nicht ersetzt, aber ergänzt durch transnationale Plebiszite und ebensolche politischen Auseinandersetzungen in einer dadurch erweiterten Öffentlichkeit. Der schleichende Abbau der Demokratie in der globalisierten Mehrebenenpolitik widerspricht der Moderne.

Der Soziologe Kurt Imhof leitet den Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich