Tumult bei Fatma und Hülya, und auch die anderen, bisher Stillen, regen sich und stimmen Songül zu, die sagt: "Burka steht nicht im Koran. Burka ist nicht religiöser Glaube, Burka ist Tradition."

Niemand, der sich in Deutschland mit dem Kopftuch beschäftigt, schließt aus, dass es tatsächlich unterdrückte Musliminnen gibt. Und auch das ist klar: Keine unterdrückte Muslimin würde einem Reporter ins Gesicht sagen, sie werde, wenn dem so wäre, zum Tragen eines Kopftuchs gezwungen.

"Unterm Schwanz des Pferdes", hatte Annett Abdel-Rahman am Telefon gesagt. Die große Reiterstatue des Fürsten Ernst August steht direkt vor dem Hauptbahnhof Hannover .

Es ist Abend, Hauptbahnhof Hannover, da kommen und gehen Hunderte.

"Sie werden mich schon erkennen."

Woran?

"Ich trage Tuch."

Zwei Tage später ist klar, dass unter allen Menschen "unterm Schwanz" in der Tat nur eine Einzige Annett Abdel-Rahman sein kann. Wenn sie sich über all das Unwissen in der Gesellschaft ereifert, hört man den thüringischen Akzent heraus. Vor vierzig Jahren wurde sie in Erfurt geboren.

Annett Abdel-Rahman trägt ein dezentes, arabesk gemustertes Kopftuch aus Baumwolle und dazu Jeans und Slipper. In der Kulturgeschichte der Menschheit gilt das Haar als sexueller Lockreiz, und weil die Haare nach orthodox-islamischer Auslegung bekanntlich unter den Begriff "Reize" fallen, war es für Abdel-Rahman keine Frage, ein Tuch aufzuziehen. Aber das war bereits der Endpunkt einer quälenden Entwicklung.

Als die Mauer fiel, war sie 19 und Atheistin. DDR-Erziehung. Von Christentum und Islam hatte sie keine Ahnung. Aus Erfurt kam sie nach Hannover, studierte dort Deutsch auf Lehramt und verliebte sich in einen ägyptischen Kommilitonen. Sie fuhren nach Kairo, kehrten zurück, und Annett Abdel-Rahman begab sich auf eine lange Suche nach Transzendenz, die sie schließlich auch ins katholische Hildegard-von-Bingen-Kloster führte. Nach drei Tagen wusste sie, dass es einen Gott gibt – den muslimischen. Sie empfand den Islam logischer als alles andere. Spiritualität ohne Hierarchie, die direkte Linie zum Schöpfer, das gefiel ihr – da der Mensch, hier der Gott, so schön, so klar. 1995 sprach sie in einem Büro der Kairoer Al-Azhar-Universität das islamische Glaubensbekenntnis, eine Sache von zwei Minuten. Ihr Haar aber ließ sie offen, aus ästhetischen Gründen: Kopftuch, Mantel, Aldi-Tüte – dieser Anblick war hässlich, das war Landfrauenfolklore. "Nie seht ihr mich mit einem Kopftuch!", hatte sie den Freunden gesagt.

Es folgte das Erste Staatsexamen als Realschullehrerin für Deutsch und Geschichte, ihr Traumberuf, dann kam die erste Tochter zur Welt. Und nun, auf einmal, hatte Abdel-Rahman das Gefühl, unehrlich zu sein, sich nicht wirklich zu etwas zu bekennen; zu nehmen und auszusuchen, was ihr gefällt, ja, aber der Verantwortung auszuweichen.

Aus islamischer Sicht ist ein neugeborenes Kind von Gott anvertraut, also muss man sich dankbar zeigen. Abdel-Rahman zog das Kopftuch auf und wieder ab, auf, ab, auf, ab. Ein Jahr lang diskutieren, ein Jahr sich quälen: Muss ich das Tuch akzeptieren? Ihr ägyptischer Mann – der Verzweiflung nahe. Auf ihre gebetsmühlenhafte Fragen kam stets seine gebetsmühlenhafte Antwort: Das musst du selbst entscheiden. "Mit dem Tuch", sagt sie heute, "da kann dir keiner helfen."

Eines Tages, als sie mit einer Freundin zu einem Ikea-Geschäft fuhr, zog sie das Tuch wieder einmal auf, um zu spüren, wie es sich anfühlt. Und auf einmal war Seelenfrieden. Ruhe. Es fühlte sich richtig an. Das Tuch blieb auf dem Kopf, der Frieden blieb, aber die Probleme begannen. Diskriminierende Äußerungen im Voltigierverein der Tochter, im Schwimmbad, und im Lehrerkollegium ihrer Schule strengte man eine Unterschriftenaktion gegen sie an. Vorreiter waren Kolleginnen um die 50, die jahrelang für einen Girls’ Day gekämpft hatten. Die Ängste engagierter Frauen vor einem Rückschlag im jahrelangen Kampf um Gleichberechtigung versteht Annett sehr gut, die Furcht von Nichtmuslimen vor der Fremdheit des Kopftuchs kann sie nachvollziehen. Aber sie zieht das Kopftuch für Allah auf, nicht für ihren Mann und nicht für die islamische Weltherrschaft. "Es gibt sicher unterdrückte muslimische Frauen", sagt sie, "aber Frauen werden in allen Kulturen und Bereichen unterdrückt, und wenn man den Musliminnen mit Zwang das Kopftuch nimmt, sind unterdrückte muslimische Frauen immer noch unterdrückt."

Gebildete Menschen fragen Annett, ob sie zu Hause "islamisch" spreche

Seit Jahren, sagt Annett, laufe in den Köpfen der Leute derselbe Film ab: der 11. September, die Ermordung Theo van Goghs im liberalen Amsterdam, die Attentatsversuche der Sauerlandgruppe in Deutschland. Seither, so erlebt sie es, werde das Kopftuch schlichtweg gleichgesetzt mit Fundamentalismus, Gewalt, Unterdrückung. Noch immer wird sie von gebildeten Menschen gefragt, ob sie zu Hause "islamisch" spreche. Wann endlich, fragt sie zurück, begreift ihr, dass muslimische Frauen nicht gerettet werden wollen? Müsste sie ihr Kopftuch ablegen, wäre ihr Innerstes angegriffen. Als angehende Lehrerin in niedersächsischen Schulen musste sie sich entscheiden. Annett zog das Kopftuch vor.