An diesen Moment im Frühjahr 2010 wird sich Europa lange erinnern. An die Lügen der Griechen, an die Kumpanei der anderen Euro-Länder und an den Schrecken, den die Finanzmärkte mit ihren immer skrupelloseren Wetten auf einen griechischen Staatsbankrott verbreitet haben. Einen dramatischen Augenblick lang sah es so aus, als hinge das Schicksal der gesamten Europäischen Union – jenes historisch beispiellosen Werks von 60 Jahren – am seidenen Faden irgendwelcher halbseidenen Rating-Agenturen. Dass wir Deutschen – und mit uns die 14 anderen Staaten der Euro-Zone – nun für Griechenland zahlen oder zumindest bürgen müssen, ist bitter. Und dass der Schrecken nicht noch einmal wiederkehrt, ist längst nicht ausgemacht.

Dennoch birgt diese Krise noch ein ganz anderes Motiv. Und auch hieran wird sich Europa erinnern, wenn es eines Tages aus sicherer Entfernung zurückschaut. Die vergangenen Wochen haben offengelegt, wie weit die europäische Integration mittlerweile fortgeschritten ist – und zwar nicht nur auf dem Papier der Brüsseler Verträge. Es klingt paradox nach all den Streitereien: Aber Europa ist in dieser Krise weiter zusammengerückt.

Da ist zunächst einmal das Hilfspaket selbst. So dornig der Weg dorthin war, so unübersehbar ist es nun ein Zeichen europäischer Verbundenheit – ein 80 Milliarden Euro teurer Solidarpakt.

Man konnte das Zusammenrücken aber auch erkennen, als am 1. Mai die Gewerkschaften demonstrierten und deutsche Arbeiter lebhaft über das griechische Rentensystem diskutierten. Hin und her gerissen sind die Deutschen zwischen der Solidarität mit ihren Kollegen in Athen und dem Ärger, nun auch dafür geradestehen zu müssen, dass diese bislang viel früher in den Ruhestand gehen durften. Die Forderung ist klar: "Wenn wir für euch zahlen sollen, müsst ihr auch genauso lange arbeiten wie wir."

Die Debatte über einheitliche europäische Sozialstandards war bislang ein Ladenhüter linker europäischer Thinktanks. Nun wird sie auf der Straße geführt, in Essen genauso wie in Athen oder Paris. Mit einem Mal werden in Europa nicht nur die Staatsdefizite verglichen, sondern auch das Rentenalter und die Sozialleistungen. Und aus Europa, dem Projekt der Eliten, ist über Nacht ein Thema für alle geworden – Vorurteile inklusive. Gustav Seibt hat in der Süddeutschen Zeitung auf diesen Zusammenhang hingewiesen.

Ein anderes Beispiel ist die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Ob Angela Merkel mit der Hilfe für Griechenland gezögert hat, weil in Düsseldorf gewählt wird – diese Frage ist in London genauso leidenschaftlich diskutiert worden wie in Bratislava oder Den Haag. Der britische Economist hat die deutsche Kanzlerin hierfür so entschieden kritisiert wie das Svenska Dagbladet . Diese Kritik wiederum ist nicht ohne Echo geblieben – der Wahlkampf in NRW gewann ein neues Thema .

Die meisten fühlen als Deutsche – und denken als Europäer

Vom Ringen der Staatschefs bis zum Schlagabtausch in der Boulevardpresse: Die oft beschworene und lange Zeit vermisste europäische Innenpolitik – so sieht sie aus. Dass dabei unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen, etwa von deutschen Steuerzahlern und griechischen Rentnern, ist ungewohnt. Ein Rückschritt ist es nicht.