Von allen drei Brüdern ist Wolfgang dem Vater am nächsten. Über Karl Schäuble heißt es damals, eine Steuererklärung, die er bearbeitet habe, brauche im Finanzamt niemand mehr zu kontrollieren. Sie stimme. Der Vater ist fordernd, ein Zahlenmensch, auf Leistung bedacht. Als Thomas in Mathematik eine Drei schreibt und entschuldigend sagt, der Klassendurchschnitt sei schlechter gewesen, wird der Vater laut: Durchschnitt gebe es schon genug. Wolfgang hat dieses Problem nicht. Er ist ein glänzender Mathematiker, ein Denker, ein Besser-Wisser im wahrsten Sinne, weil er sich so lange mit etwas beschäftigt, bis er es tatsächlich besser weiß. Selbst der Vater verspottet ihn ab und an als "G’rechtscheißer", als Pedanten.

Wolfgang interessiert sich früh für Politik und spielt auch Tennis. Thomas spielt Tennis und interessiert sich auch für Politik. Gegeneinander spielen sie selten. Wolfgang ist der Ältere, Thomas der Bessere. "Der Wolf konnte gut verlieren, das war nicht weiter schlimm", sagt Thomas Schäuble. "Aber er konnte nicht gewinnen. Wenn er gewonnen hatte, gab es immer ein Triumphgeheul."

Seinen größten politischen Triumph kann Wolfgang Schäuble nur neun Tage lang genießen. Den ganzen Sommer 1990 verhandelt er als Innenminister den Einigungsvertrag mit der DDR, und er macht dies fast im Alleingang, so tief frisst sich der Jurist in die Rechtslage hinein. Am 3. Oktober werden zwei deutsche Staaten tatsächlich wieder eins. Dann jagt ihm ein Irrer zwei Pistolenkugeln in den Körper.

Schäubles Vater hat das noch erlebt. Genauso wie Wolfgangs größte politische Niederlage: Ende der Neunziger, als ihn der eine Kanzler abserviert und sich eine andere auf den Weg macht, dieses Land zu regieren – eine Rolle, die eigentlich seine ist.

Die vier Männer, die an diesem Märzabend in ein Restaurant am Rande des Regierungsviertels gekommen sind, gehören zu Schäubles engsten Beratern. Sie arbeiten für ihn. Sie beschützen ihn. Sie stehen für ihn ein. Die vier sind keine Ratgeber im klassischen Sinne, so groß würden sie sich nie machen. Aber so, wie sie da sitzen und diskutieren, essen und trinken, spotten und lachen, hat ihre Runde etwas Musketierhaftes, Verschworenes. Wäre Wolfgang Schäuble zu diesem Zeitpunkt nicht im Krankenhaus, er wäre an diesem Tisch wohl dabei. 

Sie sind: Bruno Kahl, langjähriger Büroleiter von Schäuble, erst in der Fraktion, dann im Innen- und jetzt im Finanzministerium. Markus Kerber, ein ehemaliger Finanzmanager, der für den damaligen Innenminister Schäuble die Islamkonferenz organisierte und nun im Finanzministerium die Grundsatzabteilung führt. Vor allem aber sind da Nils Ole Oermann und Johannes Zachhuber – beide Philosophen, beide mit einer Professur für Theologie. Vom Alter her könnten sie Schäubles Söhne sein. Oermann und Zachhuber sind es, die ihm Bausteine für seine Reden liefern, die ihn mit Wissen jenseits des politischen Alltags versorgen. Nicht dass er das unbedingt nötig hätte: Schäuble ist ein Bücherfresser; einer, der viel liest und viel behält. Aber die Theologie ist eine Wissenschaft, die ihm eine neue Sicht auf vieles Alte bietet. Sie bedient seine Lust am Diskurs.

Schäuble kann schneidend und verletzend sein, wenn er sich von Dummköpfen umgeben fühlt. Oermann und Zachhuber aber faszinieren ihn. Sie fordern ihn heraus. 

Es passt auf den ersten Blick schwer zusammen, dass ein Mensch, der sonst alles wissen will, an einem bestimmten Punkt die eigenen Grenzen sieht und einfach nur glaubt. Über seinen Glauben spricht Wolfgang Schäuble nicht. Eigentlich. An jenem Dienstag im April aber, während des langen Gesprächs im Krankenhaus, erzählt er davon, wie er 1990 nach dem Attentat dalag, völlig unbeweglich, nur durch eine Magensonde ernährt. Wie er mit sich rang, aufzuhören oder weiterzumachen. Wie er haderte.