Gestorben wird immer – Seite 1

Nach 44 Jahren Ehe verstarb ihr Mann. Unerwartet. Es war ein Schock, und nach der Beerdigung "kam das große Loch", sagt Roswitha Strunck. Rund drei Monate später erfuhr die 62-Jährige über einen Bestatter, dass die TUI, Europas größter Reiseveranstalter, eine "Reise ins Leben" anbietet, nach Madeira, speziell für Trauernde konzipiert. "Mich hat das sofort angesprochen", sagt sie. "Ich brauchte Erholung, doch allein hätte ich es nicht geschafft, in Urlaub zu fahren." Also nahm sie an einer Testreise teil, die TUI erprobte ein Angebot, das nun offiziell auf den Markt kommt: Gleich 20 Trauerreisen hat Europas größter Reiseveranstalter von diesem Sommer an im Programm.

Damit begibt sich die TUI in eine Nische, die bislang in Deutschland nur von kleinen und kleinsten Anbietern besetzt wurde. Derzeit gibt es gerade mal zwei Veranstalter, die Trauernden – Frauen meist jenseits der 60 – jedes Jahr mehrere Ziele anbieten: Irma Heyne-Beuses Regen-Bogen-Reisen organisieren ein knappes Dutzend Reisen für Gruppen mit maximal 20 Teilnehmern zu wechselnden Zielen. Stets sind eine Musikreise und eine Kreuzfahrt dabei. Außerdem gibt es Angebote für die Feiertage am Jahresende. Bei jeder Reise steht rund um die Uhr eine Trauerbegleiterin für Einzelgespräche zur Verfügung; wann und ob man über seine Trauer redet, bleibt jedem selbst überlassen.

Anders strukturiert sind die Reisen von Care and Sail. Der Hamburger Künstler Piet Morgenbrodt, der selbst ein Kind verloren hat, bietet jedes Jahr zwei bis drei Segeltörns für maximal acht Hinterbliebene an. Trauerarbeit ist ihm sehr wichtig, die Vormittage an Bord sind reserviert für Gespräche über den Verlust und darüber, was das Leben künftig noch an Schönem bereithalten könnte. Allein die Fahrt mit dem Schiff sei hilfreich: "Wir machen die Leinen los und blicken zurück aufs Land. Doch irgendwann dreht man sich um und sieht nach vorne." Er wolle nicht wirklich Geld verdienen, "ich mache das, weil die Reisen mir selbst nach wie vor helfen", sagt er.

Morgenbrodt stört es nicht, dass sich nun ein Veranstalter mit der Marktmacht der TUI dem Nischengeschäft widmet: "Es kann der Sache nur nützen, wenn mehr Menschen erfahren, dass es so etwas wie Trauerreisen überhaupt gibt."

Mit den Trauerreisen will die TUI "nicht unbedingt das große Geld machen", sagt Carsten Cossmann, Leiter der Abteilung Gruppen- und Sonderreisen der TUI. Angebote für diese Zielgruppe "werden ein Nischenprodukt bleiben".

Die Idee entstand, als man bei einem Workshop über neue Konzepte nachdachte. "Unsere Marke steht für Sicherheit, Vertrauen und Harmonie. Dazu passt die Sorge um Hinterbliebene ganz ausgezeichnet", sagt Cossmann.

Für die Ausarbeitung des Programms holte sich die TUI einen Trauerexperten ins Team: Fritz Roth ist Bestatter, schreibt Bücher und organisiert in seiner Bergisch Gladbacher Trauerakademie Veranstaltungen zum Thema Tod und Sterben. Roth hat früher selbst versucht, Reisen für Trauernde zu organisieren, aber er kannte sich zu wenig im Tourismus aus. Nun freue er sich über eine zweite Gelegenheit: "Der Tod eines engen Angehörigen ist wie eine Amputation. Der Hinterbliebene muss das Leben als Amputierter neu lernen. Und dazu braucht er Krücken. Eine professionell begleitete Reise kann eine solche Krücke sein." Gemeinsam mit Cossmann erarbeitete Roth ein Konzept: Vormittags Gesprächskreise und Trauerarbeit, nachmittags Sightseeing und Kultur, abends gutes Essen und ein Unterhaltungsprogramm. Stets sollten die Reisen ans Wasser führen, denn "der Blick übers Meer öffnet den Horizont".

 

Die Unterkünfte, so beschlossen Cossmann und Roth, sollten möglichst familiär sein. Dem eigenen Anspruch, stets Häuser mit weniger als 100 Zimmern anzubieten, wurde man indes nicht ganz gerecht, das Istron Bay auf Kreta zum Beispiel hat 142, das Iberotel Fleesensee in Mecklenburg-Vorpommern 156 Zimmer.

Die TUI will ihre "Reisen ins Leben" vor allem über Bestatter, Trauerbegleiter oder Hospizvereine vertreiben – also über die Menschen, die "ein Vertrauensverhältnis zu Hinterbliebenen haben", sagt Cossmann. "Sie einfach im Reisebüro auszulegen, das fänden wir nicht angemessen. Aber Bestatter kennen Familien ja oft gut, sie können einschätzen, wann man ein solches Angebot unterbreiten kann." Deren Verkaufsaufwand soll mit "einer prozentualen Vergütung, die der Provision eines Reisebüros ähnelt" oder aber mittels TUI-Reisegutscheinen ("für die Weihnachtstombola") honoriert werden.

Ungewöhnlich ist auch, dass nicht jeder, der sich anmeldet, an der Reise teilnehmen darf. Zunächst muss er ein Vorgespräch mit einem Mitarbeiter der Trauerakademie führen. Erst nach dessen Plazet wird die Reise im Servicezentrum in Hannover eingebucht. "Wir können keine Therapie bieten", sagt Roth. "Entscheidend ist, dass der Trauernde den Schritt in ein neues Leben wagen will, bereit ist, über seine Gefühle und Probleme zu sprechen. Das ist nicht möglich, wenn die Wunden zu frisch sind."

Roswitha Strunck, die Teilnehmerin der Testreise, fand die acht Tage auf Madeira insgesamt gelungen. "Es fiel mir anfangs sehr schwer, über meine Trauer zu sprechen. Dann aber stellte ich fest, dass viele dieselben Gefühle hatten." In nur einer Woche sei die Gruppe eng zusammengewachsen, es gab zwei Nachtreffen, und nach wie vor sieht sie regelmäßig vier ihrer Mitreisenden. "Die Reise hat mir geholfen, mein Leben neu zu ordnen."

Ein paar Details allerdings könne die TUI verbessern: "Manchmal war es mir ein bisschen viel Symbolik. Ich fand es schön, meinem verstorbenen Mann einen Baum zu pflanzen und einen Stein für ihn abzulegen. Aber dann sollten wir auch noch Federchen in ein Bächlein werfen." Vor allem kritisiert sie, dass der Veranstalter bis zu 18 Personen auf eine Reise mitnehmen will. "Wir waren zu zwölft, und das war schon viel. Jeder von uns hat viel geweint – da sind weniger Zeugen wirklich besser." Aber immerhin habe sie auf Madeira "das erste Mal seit Monaten wieder richtig gelacht". 

Trauerreisen

www.reiseinsleben.de, Tel. 02202/9358180, jeweils achttägige Reisen nach Madeira, Mallorca, Kreta, Teneriffa, an die Algarve oder nach Mecklenburg-Vorpommern, inkl. Halbpension und Flug ab 1538 Euro (Kreta) oder 1284 Euro (Mecklenburg-Vorpommern mit Selbstanreise)

www.regen-bogen-reisen.com, Tel. 02852/6035, 8- bis 15-tägige Reisen, nach Sizilien, Malta und Gozo, Verona (Musikreise), eine Kreuzfahrt auf der Ostsee oder Feiertagsangebote in Bad Ems, inkl. Halbpension (Vollpension auf der Kreuzfahrt) und Anreise ab 1288 Euro (Malta)

www.care-and-sail.de, Tel. 040/6438847, achttägige Segeltörns in Spanien oder der Türkei, 860 Euro ohne Anreise