Wir leben in unheroischen Zeiten. Wer das nicht glaubt, der schaue sich unsere Helden an. Zwei deutsche Katholiken haben am Wochenende etwas Vernünftiges, Notwendiges, Naheliegendes, ja man möchte sagen: etwas Zwingendes getan. Dass das einzig Richtige uns aber im Fall des Papstes so bemerkenswert und im Fall des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick geradezu heldenhaft erscheint, sagt einiges über den kleinmütigen Zustand nicht nur der katholischen Kirche, sondern unserer Gesellschaft überhaupt. Wir erwarten voneinander offenbar alles andere als Vernunft. Wir glauben schon nicht mehr an Aufrichtigkeit oder gar Mannesmut.

Andernfalls hätte die Nachricht, dass Papst Benedikt den handgreiflichen Bischof Walter Mixa auf dessen demütige Bitte nun aus dem Amt entlassen hat, kaum solche Erleichterung auslösen können. Und die lakonische Kritik des gelernten Kirchenrechtlers Schick an Machthaberei und Dogmatismus der Geistlichkeit, insbesondere seine Zweifel am Sinn des Zölibats wären nicht halb so spektakulär. "Ob jeder Pfarrer das Zölibat leben muss" – erklärte Schick im Interview mit dem Spiegel: "Ich wäre dafür, dass man ernsthaft darüber nachdenkt." Der Satz klingt zunächst brav, und der Konjunktiv wirkt wie ein dämpfendes Kissen, dass nur ja kein reformerischer Donnerhall laut wird. Und doch ist das Interview eine Provokation und ein Aufruhr gegen das beharrliche Schweigen der Kurie über die Zukunft des Katholizismus. Bisher war die konservative Devise: Wir müssen so werden, wie wir sind. Nun lautet das Signal: Wir könnten auch anders.

Schick signalisiert, dass nicht nur das aufmüpfige Kirchenvolk, sondern die Kirche in Gestalt ihrer Würdenträger bereit ist, über ihr Verhältnis zur modernen Welt zu diskutieren. Die Kirchenaustritte, deren Zahl im katholischen Süden Deutschlands beängstigend zunimmt, sind ja der Beweis, dass vatikanische Aufklärungsrhetorik nicht überzeugt, solange sie nur auf Missbrauchsfälle zielt. Es geht darum, ob Kirche als solche aufklärbar ist. Aufklärbarkeit aber heißt zuerst Kritikfähigkeit. Und dass nun ein Erzbischof als berufsmäßiger Verwalter religiöser Dogmen sich kritikfähig zeigt, ist ein harter Rückschlag für die römischen Reaktionäre. Das ist schon fast ein Aufruf zur friedlichen Revolution.

Kam er noch rechtzeitig? Die politischen Umstürze im Europa des späten 20. Jahrhunderts haben uns gelehrt, dass Erneuerung auch eine Frage des Timings ist: Zu frühe Reformen sind zum Scheitern verurteilt, weil niemand ihre Notwendigkeit sieht. Zu späte werden von den Ereignissen überrollt. Das nächste Großereignis ist der Ökumenische Kirchentag diese Woche in München. Dort wird sich erweisen, ob die Christen noch übereinkommen in ihrem Reformmut. Wenn ja, könnte christliche Vernunft auch auf den Rest der Gesellschaft belebend wirken. Denn für uns alle gilt, gerade in Krisenzeiten: Von oben herab muss reformiert werden, wenn nicht von unten herauf revolutioniert werden soll.

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