München/Klagenfurt
Der schwäbische Bankkaufmann hielt nicht einmal ein halbes Jahr durch. Vergangene Woche knickte Werner Schmidt, Vorstandschef im Ruhestand, schon bei seiner zweiten Vernehmung ein. Nur einen kurzen Fußweg von seiner ehemaligen Wirkungsstätte entfernt, in der mit einem steinernen Löwen bewehrten Zentrale der Bayerischen Landesbank im besten Münchner Börsenviertel erzählte der 66-jährige Unglücksrabe den erstaunten Staatsanwälten im Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße, was sich damals tatsächlich zugetragen habe in jenen folgenschweren Tagen im Dezember 2006 und den anschließenden Wintermonaten, als der Finanzplatz München nach Süden expandierte und sich die BayernLB mit der Klagenfurter Skandalbank Hypo Alpe-Adria ein Fiasko einhandelte, das die Bayern schließlich 3,7 Milliarden Euro kosten sollte.

Bislang hatten alle Beteiligten – Schmidt, sein Kärntner Kollege Wolfgang Kulterer, der früher als Vorstandsvorsitzender und anschließend als Aufsichtsratschef die Geschicke der Hypo leitete, der schillernde Vermögensberater, Hypo-Aktionär und Nebenerwerbsbauer Tilo Berlin und der verstorbene Landeshauptmann Jörg Haider – eisern an jener Version festgehalten, mit der sie bereits 2007 einen Untersuchungsausschuss des Kärntner Landtages abspeisten. Erstmals, so flunkerten die Geschäftsfreunde damals, hätte die BayernLB am 26. März 2007 Interesse an einem Einstieg in das Kärntner Finanzinstitut gezeigt, das im Begriff war, in großem Stil Verluste im riskanten Balkangeschäft anzuhäufen. Doch von den brisanten Belastungen war bei dieser Kontaktaufnahme nicht die Rede. Im Eilzugtempo wurde ein Vertrag ausgehandelt, der schon am 25. Mai unterschriftsreif war.

Alle befanden sich in Feierlaune. Berlin, der mit einer erlesenen Investorengruppe erst sechs Monate zuvor in die klamme Bank eingestiegen war, freute sich über einen saftigen Profit, geschätzte 150 Millionen Euro. Haider, notorisch knapp bei Kasse, darüber, dass er durch den Verkauf von Anteilen an seiner Landesbank neues Spielgeld für politische Manöver erhielt. Kulterer, der wissen musste, wie es um sein Institut bestellt war, durfte alle Sorgen vergessen. Und Schmidt wähnte wohl, ihm sei ein großer Coup gelungen. Mit einem Schlag waren die Bayern nun ein wichtiger Faktor im südosteuropäischen Finanzgeschäft. Vergessen waren die beiden internen Strategiepapiere der BayernLB vom Juni und Oktober 2006, in denen noch eindringlich vor einem Zukauf in Kärnten gewarnt worden war.

Nicht erst am Tag des großen Katzenjammers im Dezember des vergangenen Jahres, als die schrottreife Bank aus Klagenfurt notverstaatlicht werden musste, war die Vermutung laut geworden, der ruinöse Handel sei ganz anders abgelaufen als offiziell dargestellt und tatsächlich ein abgekartetes Spiel gewesen.

Der Landesvater von Kärnten will nur wissen, ob genügend Geld da ist

Diesen Verdacht erhärtet nun die Erzählung des Bankkaufmannes, den die Süddeutsche Zeitung nicht als gerissenen Finanzprofi, sondern eher als biederen Sparkassenmann einschätzt.

Lostag ist der 14. Dezember 2006. An diesem Tag holen sich die Bayern mit einem Angebot, das ihnen die ziemlich ramponierte Gewerkschaftsbank Bawag sichern soll, die in einem Notverkauf auf den Markt geworfen worden war, in Wien einen Korb. Den Zuschlag erhält ein US-Investmentfonds. Für die Landesbanker aus München ist die Abfuhr eine peinliche Niederlage. Die Herren in der damals noch allmächtigen Regierungspartei CSU wollen hoch hinaus, sind von Expansionsdrang beseelt. Sie machen Druck, Bayern drängt es nach Weltgeltung – in diesem Punkt sind sie mit den Kärntner Machthabern geistesverwandt. "Ihr seid zu blöd, eine Bank zu kaufen", soll Finanzminister Kurt Faltlhauser den Pechvogel abgekanzelt haben.

Es fügt sich, dass sich in diesen bitteren Stunden zwei alte Bekannte aus Klagenfurt telefonisch in München melden: Kulterer und Berlin. Sie hätten da etwas im Angebot – ein Geldhaus am Wörthersee. Berlin, der mit Schmidt aus gemeinsamen Tagen in der Vorstandsetage der Baden-Württembergischen Landesbank auf vertrautem Fuß steht, offeriert bei diesem Anlass Hypo-Anteile, über die er noch gar nicht verfügt. Erst fünf Tage später wird er damit beginnen, in drei Tranchen eine Sperrminorität zu erwerben. Bei dem dritten Teilbetrag greifen die hilfsbereiten Bayern dem Goldjungen sogar mit einem Überbrückungskredit in Höhe von 300 Millionen Euro unter die Arme. 

Nach diesen Gesprächen, das beichtete Schmidt nun, habe er den gedemütigten Managerkollegen unverzüglich die neue Option präsentiert. Zwei Tage später bei einer abendlichen Geburtstagsfeier seien auch die CSU-Granden, allen voran Ministerpräsident Edmund Stoiber, eingeweiht worden. Die geheime Mission läuft an. Sie wird auf den sinnigen Codenamen "Lindwurm" getauft. Es wird dem Erinnerungsvermögen des einstigen BayernLB-Chefs sicher auf die Sprünge geholfen haben, dass bei Hausdurchsuchungen sein Terminkalender beschlagnahmt worden war: Dort stehen alle Verabredungen säuberlich notiert.