Die Mutterschaft tut Anna Netrebko offensichtlich gut. Kürzlich hat sie einem österreichischen Magazin anvertraut, sie "träume" davon, im Wagnerjahr 2013 unter Christian Thielemann in Bayreuth die Elsa im Lohengrin zu singen, was auf viel stimmliches Selbstbewusstsein der erstaunlich stressresistenten Russin schließen lässt: Schwerer, dunkler, körperreicher, erwachsener ist ihr Sopran geworden. Der gutturale Schleier, der seit ihrem Salzburg-Debüt 2002 als ihr Markenzeichen gilt und gerne mit Erotik verwechselt wird, hat an stilistischer Prägnanz gewonnen, das einstige Rotkehlchen-Timbre ist einer weiblicheren, souveräneren, reiferen Anmutung gewichen. Die durchaus erfreut: eine Diva auf dem Gipfel, dem Scheitelpunkt ihrer Kunst.

Netrebko, die in ihrem Sängerinnenleben kaum etwas falsch zu machen scheint, zieht daraus einmal mehr die richtigen Konsequenzen, nämlich lyrisch-dramatische: In drei Jahren wird sie mit Daniel Barenboim in Berlin einen ersten Troubadour wagen, über Gounods Faust denkt sie nach und überhaupt an etwas mehr altersgerechtes Risiko.

Mit Barenboim als Klavierpartner hat die Sopranistin im vergangenen Sommer bei den Salzburger Festspielen Lieder aus ihrer Heimat von Nikolai Rimski-Korsakow und Peter Tschaikowsky gesungen. Diesen Abend gibt es nun auf CD, und der leicht kitschverdächtige Titel In the Still of Night führt sogleich auf die richtige Spur. Die russische Romanze ist ein Genre für sich, mal balladesker, mal opernhafter, tief mit dem Volksliedhaften verwurzelt – und per se von einem spezifischen Klagelaut erfüllt, ja beseelt. Nach Texten von Tolstoi, Puschkin und anderen wird hier an der Welt gelitten, was die Welt an Leiden hergibt, selten speist sich aus solcher Schwermut auch Exzessiveres (wie in Tschaikowskys Trüben Tagen) oder gar Sonniges, Heiteres (wie in Rimski-Korsakows Lerchen-Lied). Wir Russen, sagt Anna Netrebko, sind gerne traurig.

Die monochrome Tonlage dürfte das größte Problem dieses Programms sein. Natürlich singt Netrebko die Lieder ausgesprochen idiomatisch, und wie Barenboim begleitet, mit wie viel musikantischem Fingerspitzengefühl und Atmosphäre, welcher Zärtlichkeit, das ist schon ein Erlebnis. Doch ob es um Jungmädchenträume geht oder um die böse Loreley, um die "Höhen Georgiens", selig schlafende Kindlein oder mörderisches Liebesunglück – es klingt alles gleich, gleich balsamisch, gleich nasal, gleich impressionistisch und letztlich arabesk. Netrebko mag über eine sinnlich gurrende Mittellage verfügen und ein paar wunderbar gischtige Piani kennen: In der Höhe hat sie Mühe, und große Sorgfalt auf die Textverständlichkeit verwendet sie nicht – was man auch als Nichtrussin merkt, nicht nur bei Strauss’ Cäcilie als Zugabe. Um diese Miniaturen von innen her leuchten zu lassen, um sie zum Spiel, zum Leben zu erwecken, dafür fehlt ihr das gestalterische Differenzierungsvermögen. Die Erwartungen des Publikums an eine immerzu schöne Musik – das fordert seinen Tribut. Der Liedkunst, auch der russischen, ist es wenig förderlich. Gleichwohl wird man sich um Anna Netrebkos Stimmheil keine größeren Sorgen machen müssen. Selbst in Bayreuth nicht.