Wo ist der neue Keynes? Die Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren brachte neben Not und Hunger auch den einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts hervor. Der Brite wies der Welt einen Weg aus der Denkfalle, sie könne nur wählen zwischen den konservativen Staatsfeinden und den kommunistischen Marktfeinden. Sie müsse sich entweder dem Kapitalismus samt seinen wohlstandzerfetzenden Krisen ausliefern oder alle Freiheit fahren lassen. Der Staat sei nicht unbedingt der Totengräber des Kapitalismus, rief Keynes, wenn er geschickt vorgehe, könne er im Gegenteil der Geburtshelfer einer stabileren und reicheren Marktwirtschaft werden.

Das Versprechen hat gehalten: Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierte die (westliche) Welt sich so, dass sie mehr als ein halbes Jahrhundert lang keine große Wirtschaftskrise erlebte. Dann kam vor zwei Jahren die Finanzkrise, und einmal mehr finden wir uns in einer Denkfalle wieder. Die Idee, freie Märkte schafften Wohlstand für alle, ist diskreditiert. Schon vorher war Keynes’ Lehre zum Keynesianismus verkommen, einer Technokratie der staatlichen Lenkung, die angesichts großer Veränderungen – von den Ölpreisexplosionen bis zur Öffnung Chinas und Indiens – in die Knie gehen musste.

Wo ist er also, unser neuer Keynes?

Zwei schwergewichtige Kandidaten haben nun ihre Krisenbücher herausgebracht. Der eine, Joseph Stiglitz, war Vordenker der Weltbank und Berater von Bill Clinton, und er ist ein erklärter Kämpfer wider den Marktfundamentalismus, für eine neue soziale Marktwirtschaft. Der andere, Nouriel Roubini, ist die Kassandra der Gegenwart. Er hat die Finanzkrise deutlicher vorhergesehen als nahezu alle Kollegen, er kennt die Bankenwelt ebenso gut wie die große ökonomische Debatte.

Stiglitz und Roubini zu dieser Zeit – da darf man schon mal leichtes Herzklopfen haben.

Parallelen, wohin man schaut. Beide baden darin, dass sie die Krise vorausgesagt haben. Ich, ich, ich…, es ist schwer zu ertragen. Krisen seien vorhersehbar, sagen beide, und der Beweis dafür sind sie selbst. Stiglitz stellt das "Ich" sogar vorne an, wenn er mal nur einer von mehreren ist. Roubini kann das nicht so einfach tun, weil er einen Co-Autor hat, den Fachjournalisten Stephen Mihm. Deshalb redet er über sich vor allem in der dritten Person: Einer von uns beiden, der große Roubini…, etwa so.

Ist man einmal über die Ich-Hürde hinweg, stellt man fest: Beide großen Männer gelangen in ihren Büchern zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Der Kapitalismus wird nur stabiler, gerechter und stärker, wenn wir die Banken dazu zwingen, der Gesellschaft zu dienen. Wenn wir eine Weltwirtschaftsordnung schaffen, in der die großen Ungleichgewichte, die den Planeten ins Taumeln bringen, gemildert werden.

Und doch gibt es auf dem jeweils rund 400 Seiten langen Weg dorthin einen gewaltigen Unterschied zu verzeichnen: Bei Roubini ist nur ein Autor selbstverliebt, bei Stiglitz ist es die ganze Schrift. Roubini und Co. erzählen hoch diszipliniert die Geschichte der Finanzkrise, Stiglitz erzählt alles, was ihm wichtig ist.

 

Es fängt schon damit an, dass Roubini und Mihm eine These haben, die sie auch durchhalten. Die Krise ist demnach kein einmaliges Ereignis, gerade in der hoch veränderlichen Weltwirtschaft von heute werden kleine und große Verwerfungen zum Dauerzustand. Nur sind die keineswegs unvorhersehbar oder singulär, sondern verlaufen einander ähnlich und haben absehbare Folgen. Geschichte wiederholt sich, zumindest in manchem Muster, und deshalb brauchen wir eine Theorie der Wirtschaftskrise, um zu wissen, wie wir die Weltwirtschaft umgestalten müssen.

An dieser Theorie arbeitet das Buch fortan. Dabei nimmt Roubini unverhohlen all das, was ihm aus verschiedensten Krisentheorien richtig erscheint. Von Keynes ebenso wie vom großen Österreicher Josef Schumpeter, ebenso vom Liberalen John Stuart Mill wie vom Kommunisten Karl Marx. Das Buch zeigt uns, wie die Denker von gestern und heute mit den Krisen des Kapitalismus gerungen haben, immer oszillierend zwischen der Erkenntnis, dass man denen, die eine Krise ausgelöst haben, nicht auch noch helfen darf – und der bitteren Einsicht, dass es ohne diese Hilfe noch schlimmer würde. Stets zwischen dem Wunsch, Regeln gegen weitere Krisen zu schaffen, und der Einsicht, dass dies nur begrenzt möglich ist. Dann lasst die Märkte doch allein machen, folgern die einen, wir müssen es diesmal nur besser machen, die anderen.

Doch Roubini bleibt nicht in dieser Dialektik hängen: Der Staat muss in der Krise rettend eingreifen, erklärt er uns, aber er darf dabei nicht unterschiedslos alle retten, sondern muss die Versagerbanken auch abwickeln. Nur so kann die kreative Zerstörung wirken, nur so werden die schlechten Banken ausgesiebt, und die Wirtschaft wird stärker. Und nur dann setzt der Staat nicht das verheerende Signal, die Zocker könnten tun, was sie wollten, am Ende rette er sie alle.

Roubini weiß: Wirtschaft ist gesellschaftlich und damit historisch veränderlich, sie hat stets eine Vorgeschichte, die auch anders hätte sein können. Mit Mut zum Detail erzählt sein Buch die Vorgeschichte der heutigen Krise. Wie altbewährte Regeln gegen den Finanzwahnsinn aufgehoben wurden (etwa die Trennung von traditionellen Kreditbanken und Investmentbanken) und andere bewusst nicht angewendet (zum Beispiel die Macht der US-Notenbank, im Boom die Banken zu zwingen, mehr Kapital zurückzulegen). Der Freiraum für die Banken und Fonds wuchs, Gier fraß Verantwortung. Die Geldmaschine lief heiß und explodierte, und bei Roubini und Mihm versteht man in einiger Tiefe, warum.

Dann die große Rettung. Und das Buch verdeutlicht: Der Kraftakt der Staaten kann nur ein Auftakt sein. Sie haben mit Billionen die Banken aufgefangen und das konjunkturelle Feuer neu entfacht. Doch irgendwann brauchen die Staaten den Mut, die Finanzwirtschaft neu zu regeln. Und irgendwann, das ist jetzt! Banker dürfen nicht mehr mit Abermillionen dafür entlohnt werden, dass sie den kurzfristigen Reibach auf Kosten der Allgemeinheit machen. Auch Rating-Agenturen, die zu jedem Bankenwahnsinn Ja und Amen sagen, können wir uns nicht mehr leisten, ebenso wenig riesige Finanzwetten abseits aller Aufsicht.

Das kennt man, doch dann werden Roubini und Co. radikaler. Die Forderung: Die Zentralbanken müssen entgegen alter Praxis früh einschreiten, wenn sich Finanzblasen bilden. Und allzu große Banken müssen zerschlagen werden, auch die vielleicht mächtigste und umstrittenste überhaupt, das sagenumwobene Wall-Street-Haus Goldman Sachs. "Das Finanzsystem, das wir hier beschreiben, ist sauber parzelliert, keimfrei – und langweilig", erklären die Autoren. Sollen die Banker lamentieren: Das ist es, was der Gesellschaft dient.

Besser wurde diese Geschichte bisher nicht erzählt. All das allerdings brächte wenig, käme die Weltwirtschaft nicht ebenfalls ins Gleichgewicht. Und es wird klar: Darin liegt die größere Herausforderung. Roubini und Co. sehen bereits das griechische und damit das europäische Problem einer EU, die meint, ein paar Währungsregeln ersetzten die politische Einheit. Sie beschreiben die noch größere Aufgabe zu verhindern, dass nämlich die USA mit ihren gigantischen Auslandsschulden abstürzen und den Globus mit sich ziehen, so dass die Welt in einer langen gemeinsamen Anstrengung zu einem Ausgleich von Handels- und Finanzströmen kommen kann. Schön geordnet dürfte das kaum abgehen, zumal in einer Welt ohne die eine Weltmacht. Das heißt, wir müssen wohl tatsächlich mit Krisen als festem Bestandteil des Wirtschaftens rechnen – und von vornherein alles tun, um sie abzufedern. Womit sich Roubinis Kreis schließt.

Stiglitz könnte all das vermutlich unterschreiben, aber er schreibt es nicht. Ob in seiner Zeit bei der Weltbank und als Kämpfer gegen den Internationalen Währungsfonds, bei Clinton oder als Warner vor der Krise – immer liegt der Meister richtig.

Tatsächlich hat er viel Wichtiges zu sagen. Etwa warum die USA den Banken bei der Rettung viel zu viel Geld in den Rachen geschoben haben. Er nimmt die Washingtoner Krisenpolitik gekonnt auseinander, sodass man eine Ahnung davon bekommt, was sich in diesem Buch entwickeln könnte, bliebe der Autor mal einem Thema treu. Seine Mahnung an Barack Obama, sich nicht nur rhetorisch, sondern auch in Taten von Wall Street loszusagen: überzeugend. Seine Erklärung, warum Märkte dann nicht von allein funktionieren, wenn eine Seite viel mehr weiß als eine andere und einige auf Kosten vieler agieren können: brillant. Keiner weiß mehr darüber als der Mann, der dafür den Nobelpreis erhielt. Das sei fast so etwas wie ein roter Faden im Buch, schreibt er am Ende, und man muss sagen: ja, fast.

 

Diese Passagen gehören zum Muss in der Krisendebatte. Man glaubt Stiglitz, wenn er wiederholt schreibt, wir bräuchten ein neues Wirtschaftsmodell. Und immer wieder deutet sich so etwas an wie die Vision eines neuen Kapitalismus, in dem die Banken tatsächlich dem Ganzen dienlich sind, in dem die Mittelschicht zu neuem Wohlstand kommt und die Weltwirtschaft auf Stabilität hoffen darf. Doch zu mehr kommt es nicht, Stiglitz belässt es dabei, den starken Staat zu beschwören.

So fordert er eine neue Weltreservewährung, eine Mischung der Währungen aller großen Länder. Wer in diesem Geldsystem seine Importe und Exporte nicht in Einklang bringt, wird empfindlich bestraft. Allein das wäre eine globale Revolution – doch leider hat der Autor dafür keine fünf Seiten übrig. Er gleitet ab, wettert gegen seine alten Gegner unter Clinton und seine noch älteren zu Zeiten Ronald Reagans, warnt Afrika vor diktatorischen Tendenzen und löst mal eben das chinesische Regionalförderungsproblem.

Sodann springt er zu den Wirtschaftswissenschaften und wettert gegen das klassische Modell voller perfekter Märkte und perfekter Menschen. Er erwähnt das Herdenverhalten der Menschen, den irrationalen Überschwang im Boom, die falsche Messung unserer Wirtschaftsleistung, bei der Umweltschäden keine Rolle spielen – von all dem lassen sich Legionen junger Ökonomen inspirieren. Stiglitz indes zieht eilig weiter, ohne auch nur den Rohbau eines neuen Denkgebäudes skizziert zu haben.

Am Ende geht er über zur Mondlandepredigt, wie Amerika sie kennt: Wir hätten durch die Krise wieder die Chance, eine neue Gesellschaft zu schaffen, schreibt der Meister. Und schweigt.

Stiglitz will mehr als Roubini und erreicht weniger. Immerhin lernen wir von beiden, dass die Ökonomie ihr neues Weltbild noch nicht fertig hat. Um es zu entwickeln, muss sie offen, pragmatisch und historisch lernfähig sein, alte und neue Einsichten verknüpfen, statt sie gegeneinander auszuspielen. Und eines noch haben Stiglitz und Roubini gemeinsam: Weder der eine noch der andere ist der neue Keynes. Es wäre ein Wunder, würde diese Weltkrise keine neue Theorie gebären. Eine, die das tatsächliche Verhalten der Menschen ebenso berücksichtigt wie das wirtschaftliche Denken in den Begriffen der Evolution. Eine, die wirtschaftliche Aktivität tatsächlich nach Werthaltigkeit und nicht bloß nach aktuellen Geldgrößen bewertet. Eine, die als Basis für ein neues Weltwirtschaftssystem einige Jahrzehnte halten könnte.

Vermutlich ist es auch falsch, den neuen Keynes in den USA zu suchen, dem Land des Krisenursprungs. Er lehrt vielleicht irgendwo in den Weiten Indiens oder Chinas.

Wir werden es erfahren.