Wie das ist, wenn in einer Stadt zwölf Millionen Menschen leben, lässt sich in Weimar nur begrenzt vermitteln. Florian Winter könnte den Hörsaal der Bauhaus-Universität jederzeit verlassen, auf sein Fahrrad steigen und einfach geradeaus fahren – egal in welche Richtung, nach spätestens zehn Minuten wäre er im Grünen, und Weimar läge hinter ihm. Millionenstädte hat der Student der Stadtentwicklung bisher nur in Seminaren analysiert, vier Semester lang, hauptsächlich anhand von Stadtplänen und Karten. Im Herbst geht er für ein Jahr nach Buenos Aires, 11,6 Millionen Einwohner, 13.000 Menschen pro Quadratkilometer. Möglich macht das ein Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) mit dem Namen Bachelor Plus.

Finanziert aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), setzt es an den zentralen Problemen an, die durch die Bologna-Reform entstanden sind. Der Bachelor sei mit sechs Semestern häufig zu kurz und vollkommen überfrachtet, wird immer wieder kritisiert – Bachelor Plus verlängert das Studium auf acht Semester. Ins Ausland zu gehen sei nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, einfacher geworden, sondern schwieriger, so ein weiterer Vorwurf – bei Bachelor-Plus-Studenten ist ein Auslandsjahr von vornherein eingeplant, organisatorische Hürden entfallen weitestgehend. Im vergangenen Jahr konnten sich Universitäten zum ersten Mal für das Programm bewerben, heute nehmen bereits fast 50 Studiengänge teil.

In der jüngsten Bewerbungsrunde Ende April haben 35 weitere Hochschulen ihren Antrag gestellt. Während viele der teilnehmenden Hochschulen noch die Strukturen aufbauen, ist die erste Handvoll Bachelor-Plus-Studenten derzeit schon im Ausland. Unter ihnen Andreas Nüßle, der an der Fachhochschule Aalen im Studiengang Internationaler Technischer Vertrieb eingeschrieben ist.

Nüßle war 2009 schon einmal im Ausland, im Rahmen des europäischen Erasmus-Programms in Valencia. Damals hat er ein Urlaubssemester eingelegt. "Wenn man sich die Erasmus-Zeit als reguläre Studienzeit anrechnen lässt, gerät man wegen des straffen Lehrplanes schnell in Bedrängnis", sagt Nüßle. Für einige seiner Kommilitonen Grund genug, auf diese Erfahrung zu verzichten. Im Rahmen von Bachelor Plus studiert er nun zusammen mit zwei seiner Kommilitonen aus Aalen an der britischen Northumbria University in Newcastle. "Das Studiensystem ist anders als in Deutschland, pro Woche erarbeiten wir zwei bis drei Fallbeispiele aus der Praxis", sagt Nüßle.

Arndt Borgmeier, der Gründer des Studiengangs Internationaler Technischer Vertrieb in Aalen, ist stolz auf seine "Pioniere", wie er sie nennt. Er hat sich mit seinem Studiengang bereits in der ersten Runde beworben und konnte das Programm anschließend zügig einführen. Denn viel musste er gar nicht mehr verändern, um die Bedingungen zu erfüllen. "Unser Bachelor dauerte schon vorher sieben Semester, und eines davon verbrachten die Studenten bereits im Ausland", sagt Borgmeier. Dass die Bachelor-Plus-Studenten nun noch ein Semester länger im Ausland studieren, hält er für eine wichtige Bereicherung und Qualifizierung. "In Newcastle haben sie nicht nur genügend Zeit, um etwa mit der Welthandelssprache vertraut zu werden. Die Kompetenz und die Anschauung, die Großbritannien als Welthandelsnation bietet, sind teilweise wirklich einzigartig."