Wenn sich Wolfgang Nieke auf Partys als Professor für Erziehungswissenschaft outet, ist er ein gefragter Mann. "Mein Sohn macht seine Hausaufgaben nicht – was soll ich tun?", wird er dann zum Beispiel gefragt. Oder: "Meine Tochter schläft schlecht – woran könnte das liegen?" Nieke lacht, wenn er das erzählt, ihm ist das so oft passiert. "Die Leute erwarten, dass ich für jedes Erziehungsproblem einen Rat habe wie die Supernanny – ich muss sie enttäuschen. Es gibt unter Erziehungswissenschaftlern nur wenige Spezialisten für Familienerziehung, die Anleitungen geben könnten."

Enttäuscht seien immer wieder auch Studenten, die sich für das Fach einschrieben in der Annahme, sie erhielten eine praktische Ausbildung. "Tatsächlich arbeiten unsere Absolventen vor allem am Schreibtisch und nur selten als Erzieher an der sozialen Front", sagt Nieke, der an der Universität Rostock lehrt. Wer Menschen im direkten Umgang bei ihren Lebensproblemen helfen wolle, solle besser Soziale Arbeit an einer Fachhochschule studieren.

Was aber tun Erziehungswissenschaftler? "Man sollte sie eher Bildungswissenschaftler nennen", sagt Nieke. "Sie entwerfen Konzepte, um Menschen aller Altersgruppen beim Lernen und Lehren zu unterstützen." Sollen Dreijährige schon Englisch lernen – und wenn ja: Wie bringt man ihnen die Sprache am besten bei? Wie organisiert man die Weiterbildung von Erwachsenen? Wie muss eine interaktive Lernplattform gestaltet sein? Wie fördert man Migranten? Es sind solche Fragen, mit denen sich die studierten Pädagogen beschäftigen, etwa bei einem Bildungsanbieter, als Leiter einer Kindertagesstätte oder eines Jugendamts, in einer Ausländerbehörde oder Arbeitsagentur.

In einer Zeit, in der sich die Arbeitswelt und das Bildungswesen im Umbruch befinden, in der Festanstellungen auf Lebenszeit selten und Jobwechsel normal werden, gewinnen die Kenntnisse von Erziehungswissenschaftlern an Bedeutung: "Lebenslanges Lernen bedeutet, sich umzustellen, sich zu verändern – dabei brauchen immer mehr Menschen professionelle Unterstützung", sagt Monika Kil, Vorsitzende des Berufsverbands der Erziehungswissenschaftler/innen (BV-Päd.).

Dazu passt, dass sich immer mehr junge Leute für das erziehungswissenschaftliche Studium interessieren: Die Zahl der Studienanfänger stieg von rund 5000 im Wintersemester 2005/06 auf einen Höchstwert von fast 7000 im Wintersemester 2008/09. Die Nachfrage ist hoch, durchschnittlich 13 Bewerber kommen auf einen Bachelorstudienplatz, hat eine Untersuchung des BV-Päd. ergeben. Allerdings: 30 Prozent der Studenten brechen auch wieder ab.

In den ersten Semestern geht es zum Beispiel um Forschungsmethoden der Erziehungswissenschaft; außerdem setzen sich die Studenten mit den wichtigsten pädagogischen Grundbegriffen wie Lehren und Lernen, Wissen und Bildung, Entwicklung und Sozialisation auseinander. Dabei diskutieren sie Ideen von pädagogischen Klassikern wie Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi oder von Soziologen wie Theodor W. Adorno. Vor allem dieser Umstand hat wohl für das Vorurteil gesorgt, Erziehungswissenschaft sei ein "Laberfach". "Die Diskussionen sind wichtig, um eine differenzierte Sichtweise zu entwickeln", sagt dazu Lina Honens, 22, die im vierten Semester Erziehungswissenschaft an der Uni Bielefeld studiert. "Es gibt bei Problemen mit Erziehung und Bildung nicht die eine richtige Vorgehensweise." Und: "Die Diskussionen helfen, die eigenen Interessen herauszuarbeiten und zu entscheiden, welche Themen man in den höheren Semestern vertiefen will."

Letzteres ist gar nicht so leicht, denn das Spektrum der erziehungswissenschaftlichen Teildisziplinen reicht von Pädagogik der frühen Kindheit über Schulforschung, Erwachsenenbildung, Sozialpädagogik und Medienpädagogik bis hin zu Bildungsökonomie und Bildungspolitik. Zwar haben sich die Universitäten auf ein Kerncurriculum geeinigt. Darüber hinaus setzen viele Hochschulen jedoch schon im Bachelor eigene Schwerpunkte. Das wird Folgen haben für die berufliche Praxis, glaubt Monika Kil vom BV-Päd.: "Die Spezialisierung im Studium bereitet zwar gut auf eine entsprechende Tätigkeit vor, die Absolventen dürften aber nicht mehr so vielseitig einsetzbar sein wie Diplom-Erziehungswissenschaftler."