Nach seinem Abitur schien die Sache für Peer Voss ziemlich klar zu sein. Ihn interessierten ökonomische Zusammenhänge und die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Wirtschaft, auch die Auseinandersetzung mit Zahlen, Kurven und Statistiken schreckte ihn nicht. Er wollte Wirtschaftswissenschaften studieren. Drei Jahre lang lernte er während seines BWL-Bachelors an der Uni München viel über Bilanzierung, Controlling und Marketingstrategien. Er machte auch ein Praktikum bei einer großen Unternehmensberatung, aber: "Irgendwie hat mich diese Arbeit nicht wirklich erfüllt", sagt der 23-Jährige heute. Statt im Anschluss an den Bachelor einen Master in Betriebswirtschaftslehre obendrauf zu satteln, entschloss er sich für einen Fachwechsel: Public Health. Was fördert die Gesundheit der Weltbevölkerung? Die Studenten des Public-Health-Masters besuchen Kurse in Biometrie, Seminare über medizinische Grundlagen und Epidemiologie – wirtschaftswissenschaftliche Themen werden nur am Rande gestreift.

Dass Peer Voss mit seinem BWL-Bachelor einen Master in einem anderen Fach beginnen kann, gehört zu den Grundgedanken der Studienreform: Durch die Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem soll es den Studenten möglich sein, nach dem ersten berufsqualifizierenden Abschluss, dem Bachelor, bei der Fachrichtung im Master noch einmal neu entscheiden zu dürfen: Möchte ich mein bisheriges Studienfach vertiefen oder – wie Peer Voss – eine andere Richtung einschlagen?

Die Theorie klingt gut, doch ein Blick auf die akkreditierten Masterstudiengänge zeigt, dass nur knapp zehn Prozent überhaupt Quereinsteiger zulassen. Von einem "Sonderweg des deutschen Hochschulsystems" spricht deshalb Susanne Schilden, Pressesprecherin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Mit diesem Sonderweg meint Schilden die Unterteilung in zwei Typen: Konsekutive und nichtkonsekutive Masterstudiengänge.

Nichtkonsekutive Masterstudiengänge sind solche wie Public Health: Zugelassen werden dort nicht nur Studenten, die ihren Bachelor in Public Health gemacht haben, sondern auch Ethnologen, Pädagogen oder Wirtschaftswissenschaftler. Bei konsekutiven Studiengängen baut der Master inhaltlich auf dem Bachelor auf, die Studenten müssen als Voraussetzung auch ihren ersten Abschluss in diesem Fach gemacht haben. Diese Unterscheidung war für viele Studenten eher verwirrend als hilfreich. Die HRK möchte daher, dass die Universitäten ihre Studiengänge in Zukunft offener und damit auch flexibler gestalten: Es soll zunehmend normal werden, dass Studenten nach ihrem Bachelorabschluss in einem Fach einen Master in einem anderen Fach beginnen können. In der Realität mauern die meisten Universitäten jedoch noch und setzen weiter auf die konsekutiven Studiengänge. Die HRK vertröstet: Es sei viel in Bewegung, aber so ein Prozess brauche eben Zeit.