Die Höhle des Löwen hat eine weiß getünchte Stuckdecke und steil ansteigende Sitzreihen. Vorn befindet sich eine Bühne mit Rednerpult darauf, an dem steht Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), und soll ihr Publikum aus Ärzten, Medizinprofessoren und Klinikmanagern davon überzeugen, dass der Bologna-Prozess auch in der Ausbildung von Ärzten eine gute Idee wäre.

Wenn man so will, verkörpert die Standesvertretung der Hochschulmedizin in Sachen Studienreform die Antithese zu den Bologna-Vorkämpfern vom Hochschuldachverband: So, wie HRK-Chefin Wintermantel immer dann ihr Gesicht in die Kameras hält, wenn es angesichts von Studentenprotesten gilt, die gestuften Abschlüsse Bachelor und Master zu verteidigen, lassen die Funktionäre des Medizinischen Fakultätentags (MFT) ungern Gelegenheiten aus, um vor dem Rückfall ins Mittelalter zu warnen – der Medizinbachelor sei ein Äquivalent zum Zähne ziehenden Bader.

Vergiftetes Lob für die Reformerin

Umso verwirrender ist, dass der MFT an diesem Frühlingstag zum Bologna-Symposium an den Charitéplatz in Berlin-Mitte geladen hat – noch dazu unter dem etwas holprigen Motto "Frischer Wind im Heiligtum?", das bis auf das von den Veranstaltern ergänzte Fragezeichen ausgerechnet aus einer der Hochglanzbroschüren stammt, mit der die HRK so regelmäßig wie – zumindest in letzter Zeit – vergeblich versucht, Stimmung für die Reform zu machen.

Verwirrend ist auch die Botschaft, die Wintermantel mitgebracht hat zum Bologna-Symposium der Bologna-Kritiker. "Es ist nicht zielführend, Medizinern die Bologna-Architektur um jeden Preis überzustülpen", sagt die 63-Jährige und blinzelt irritiert die steil ansteigenden Reihen des Hörsaals hinauf, als sie schallenden Applaus erntet. Was ein diplomatisch verpacktes Plädoyer für die Reform sein soll, kann man, wenn man nur will, auch als Reform-Rückzug missverstehen. Und ihre Zuhörer wollen – so gründlich, dass Wintermantel ihren Satz später in der triumphierenden Pressemitteilung des MFT wiederfinden wird, verbunden mit einem ausdrücklichen, nur leicht vergifteten Lob für ihre "klare Aussage".

Sah es im vergangenen Jahr noch so aus, als könnte die Abwehrfront der Bachelorgegner in der Medizin demnächst bröckeln, steht sie seit den Studentenprotesten so fest, dass selbst die eingefleischtesten Bologna-Fans in die Defensive geraten. Das verdanken die Funktionäre vom MFT auch dem liberalen Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, der gleich mehrfach zu Protokoll gab, dass er die Neugestaltung des Medizinstudiums ablehne. Zumindest auf den ersten Blick sind die Hochschulmediziner auch mit ausgezeichneten Argumenten ausgestattet: In keinem anderen Studienfach ist die Abbrecherquote so gering wie bei den angehenden Ärzten, in Sachen Auslandsaufenthalten liegen sie in allen Vergleichen an der Spitze. "Wir haben zwei der Bologna-Hauptziele längst übererfüllt", sagt MFT-Generalsekretär Volker Hildebrandt. Hinzu kommt ein Arbeitsmarkt, der gierig jeden Absolventen schluckt, den die Universitäten produzieren. "Über 90 Prozent unserer Absolventen wollen ohnehin Ärzte werden. Wozu sollte ein Bachelor auf halber Strecke da gut sein – außer für eine Erhöhung der Ausbildungskosten?"

Entsprechend mitleidig schauen die Teilnehmer des Bologna-Symposiums auf all die Studienfächer, die "nicht das Glück hatten, der Reformmanie zu entgehen", wie es einer in der Kaffeepause formuliert. Als dann nach dem Chef der Professorengewerkschaft auch noch der ebenfalls angereiste bayerische Kultusminister einen Bachelor-Zwang für Mediziner ablehnt, ist die Glückseligkeit vollkommen. Einigkeit allenthalben: kein frischer Wind nötig. Punkt.