Gemessen an der Schwerfälligkeit, mit der in Deutschland allzu oft dringend nötige Reformen angegangen werden, ist der Umbau der Hochschulen eine Erfolgsgeschichte. Selbst die Initiatoren der Studienreform, zu denen ich mich zähle, hat zeitweise die Geschwindigkeit überrascht, mit der die Neugestaltung der Studiengänge in den vergangenen Jahren umgesetzt wurde. Der Preis für die Geschwindigkeit war indes hoch. Zu hoch. Es ist nicht gelungen, dem Bachelorstudium ein eigenes Profil zu geben. Dass das Image des neuen Studienabschlusses so schlecht ist, hängt vor allem damit zusammen, dass der Bachelor immer noch als ein verkürztes Magister- oder Diplomstudium verstanden wird und nicht als ein eigenwertiger Abschluss.

Natürlich hat es zahlreiche staatliche Aktionsprogramme gegeben, um die Qualität des Studiums an deutschen Hochschulen zu erhöhen. Um die Zahl der Langzeitstudenten zu senken, wurden die Inhalte gestrafft, wurde die allgemeine gegenüber der speziellen Bildung gestärkt, es wurden neue Lernformen erprobt, sogar die Leistungsanforderungen gesenkt.

Doch all diesen mit ähnlichen Namen ausgestatteten Initiativen, von "Qualität der Lehre" 1990 in Nordrhein-Westfalen bis zum kürzlich von der Bundesregierung angekündigten "Qualitätspakt für die Lehre", liegt ein gemeinsamer Irrtum zugrunde: Anstatt das Studium wirklich neu zu denken, festigen sie Strukturen, die abgeschafft gehören. Ich bin davon überzeugt: Der Bachelor hat nur dann eine Chance, wenn das alternative Hochschulstudium in Deutschland wirklich und erstmals neu konzipiert wird. Dass ein grundlegend anderes Erststudium nötig wird, ist unbestritten, da

  • ein immer höherer Anteil eines Jahrgangs an die Hochschulen kommt,
  • Langzeitstudiengänge nach einer OECD-Studie weltweit nur von 11 bis 14 Prozent eines Jahrgangs nachgefragt werden,
  • die Internationalisierung eine Vergleichbarkeit der Studiengänge und -abschlüsse fordert,
  • den Studierenden verschiedene Optionen für ihre Lebensplanung angeboten werden müssen.

Immerhin hat die Bundesregierung inzwischen zwei Milliarden Euro für ein solches Vorhaben versprochen, wenn auch auf zehn Jahre gestreckt und über die Republik verteilt. Notwendig wäre, wie im Fall der Forschung durch die Exzellenzinitiative geschehen, die Ausschreibung von Modellversuchen für zehn Hochschulen; nur dann käme mit dem Wettbewerb eine Diskussion in Gang, in der es um optimale Formen, Inhalte und Methoden von Bachelorstudiengängen ginge.

Wenn sich das klassische Verständnis des Studiums als Ausbildung zur Wissenschaft beschreiben ließe, dann möchte ich das alternative Profil eines wirklich stimmigen Bachelorstudiums als Bildung durch Wissenschaft charakterisieren – für eine akademische Profession und für ein anspruchsvolles Leben. Bildung zur Wissenschaft ist nur für jene Berufe nötig, in denen komplexe Probleme eigene Forschungen fordern werden. Für diese Ausbildung ist das Masterstudium gedacht. Solange jedoch das neue Gesicht akademischer Bildung in einem gelungenen Bachelormodell nicht erkennbar ist, werden die Studierenden mit guten Gründen weiter den alten Langzeitstudiengängen nachtrauern und das Masterstudium als obligatorisch für sich einfordern.

Richtig gedachte Bachelorstudiengänge bestehen im Kern aus vier Elementen: dem Studium generale, dem Fachstudium (Major) , der Forschungsteilhabe und der Berufsorientierung. Dabei darf das Studium generale nicht die Fortsetzung des Gymnasiums sein, sondern der Erwerb von Kompetenzen wissenschaftlichen Denkens und Handelns: Erklären versus Verstehen, quantitative versus qualitative Studien, reine Forschung versus Anwendungsbezug, Denken in Modellen, methodische Konsequenz, Ethik der Wissenschaften. Es gibt Beispiele von Hochschulen, wo dies bereits geschieht: an der Universität Lüneburg etwa komplementär zum Hauptstudium oder an der Zeppelin University in Friedrichshafen integrativ.