Nein, so ein Satz wird ihr kein zweites Mal rausrutschen. Die Proteste der Schüler und Studenten seien "zum Teil gestrig", sagte die Bildungsministerin Annette Schavan voriges Jahr in einem Radiointerview. Die Aktionen weiteten sich danach zum größten Bildungsstreik seit Jahrzehnten aus, am Ende war auf Seite eins aller Zeitungen zu lesen, dass die Bologna-Reform, gegen die sich der Streik hauptsächlich richtete, irgendwie total misslungen sei.

Und die für ihren Satz arg gescholtene Schavan äußerte mit einem Mal Verständnis, unterstützte zur Verwunderung aller Experten sogar Forderungen wie einen freien Masterzugang für alle. Sie war nicht allein in ihrer plötzlichen Einsicht: Die Kultusminister und Hochschulrektoren überschlugen sich in ihrer Zerknirschung über die schädlichen Folgen der Reform, die sie ja so gar nicht vorhergesehen hätten. Diesen Montag folgt der vorläufig letzte Akt des Bologna-Theaters: Schavan hat zur Tagung eingeladen, Studenten, Rektoren und Politiker wollen schonungslos Bilanz ziehen.

Schonungslos wäre es, wenn mal ein Bildungspolitiker sagen würde, was in Wirklichkeit alle von Anfang an wussten. Zum Beispiel, dass zu jeder grundlegenden Reform drei Phasen gehören. Eine, in der man das Bestehende umwirft. Eine, in der man die Folgen seiner Handlungen zu spüren bekommt. Und eine, in der man die positiven Konsequenzen beibehält und die negativen, hoffentlich erfolgreich, aussortiert. Wer von den Bologna-Reformern jetzt im Nachhinein behauptet, es wäre möglich gewesen, ohne die zweite Phase auszukommen, ohne sozusagen eine Studentengeneration als Testkaninchen durchs System zu schicken – der ist naiv oder zu feige, sich der Verantwortung den Betroffenen gegenüber zu stellen.

Jetzt sind wir in Phase drei angekommen. Und wieder ist Mut gefragt. Mut, nicht gleich alles wegzuschmeißen, was Unmut auslöst. Sondern hartnäckig nachzufragen: Ist es wirklich so, dass der Bachelor die internationale Mobilität einschränkt? Die Zahlen geben das nicht klar her. Ist es so, dass acht Semester in jedem Fall besser sind als sechs? Und Hand aufs Herz: Ist ein "freier Zugang" zum Master, ohne Auswahl der Bewerber, wirklich im Sinne der Studenten? Für viele Fragen gibt es längst Modelle, die Antwort geben können . Hoffentlich schauen die Tagenden genau hin. Und wenn die Kultusminister schon wieder etwas auf die Schnelle beschließen wollen, dann bitte dies: Das seit Beginn der Bologna-Reform überfällige, endlich von Schavan versprochene Milliardenprogramm für eine bessere Hochschullehre muss dringend um reichlich Ländermillionen ergänzt werden. Das wäre mal eine sinnvolle Maßnahme. Und mutig dazu.