Der Regisseur Thomas Harlan ersinnt ein Kino der Wahrheitsfindung. Was er ans Licht bringen will, ist nur durch das zeitgeschichtliche Dokument zu bekommen, das durch die Fiktion "geläutert" und monströs gesteigert wird. In dem unerhörten Film Wundkanal (Edition Filmmuseum) wird ein echter Täter, der verurteilte NS-Massenmörder Dr. Albert Filbert, "entführt", das heißt, er lässt sich in einem komplett verspiegelten Gefängnis von unsichtbaren Personen befragen. Er gesteht nicht nur erneut seine Taten, sondern gibt auch zu, verantwortlich für den "Selbstmord" zu sein, den Ende des Krieges hohe französische Militärs in deutscher Kriegsgefangenschaft in auswegloser Isolation an sich vollzogen haben.

Harlans Film schlägt von diesem Verbrechen eine Volte zu dem Selbstmord der vier RAF-Mitglieder in Stammheim 1978. Die ungeheure Erregung, die der Film mit dieser These bei seiner Uraufführung 1984 in Venedig auslöste, ist bis heute nachvollziehbar. Es geht nicht um die dokumentarische Wahrheit, sondern um die Demonstration und Demontage einer zeitlosen Gewaltmechanik.