"Ich habe nie die amerikanische Vorstellung von der dreiaktigen Struktur verstanden. Ich habe sie nie in einem der amerikanischen Filme gesehen, die ich liebe. Was ich sehe, ist ein Fluss", hat der französische Regieveteran Bertrand Tavernier einmal gesagt. Was aber, wenn man es mit einem Sumpf zu tun hat, in dem das Wasser steht, brütend, brackig. Was, wenn man sich in einem Biotop bewegt, der die Dinge auf merkwürdige Art konserviert und der sich seit dem Mesozoikum kaum verändert zu haben scheint?

Mit In the Electric Mist – Mord in Louisiana (Koch Media), der Verfilmung eines Kriminalromans von James Lee Burke, hat Bertrand Tavernier sich in die amerikanischen Südstaaten begeben, nach Louisiana. Und er lässt aus dem prähistorischen Schlick der Bayous die Toten, die Erinnerung an vergangene und verdrängte Verbrechen wiederauferstehen.

Dave Robicheaux, gespielt von einem großartigen, wie immer stoisch vor sich hin groovenden Tommy Lee Jones, ist Polizeidetektiv, ein Mann, der schon viel gesehen hat und an einem Alkoholproblem laboriert. In New Iberia, einer Gemeinde, an deren Rändern die Verwüstungen des Hurrikans Katrina sichtbar sind, werden ihm ein paar Leichen in den Weg geschoben. Im Fall der ermordeten Prostituierten führt die Spur zu dem schmierigen Exboxer, Nachtklubbesitzer und Filmproduzenten Julie "Baby Feet" Balboni (John Goodman). Der andere Fall weist auf den Detektiv selbst zurück: Über den toten Schwarzen in Ketten, den ein junger Schauspieler in den Sümpfen gesehen haben will, war Dave Robicheaux nämlich vor Jahren schon einmal gestolpert, aber er hatte den Fund nie angezeigt.

Ähnlich wie in dem frühen Meisterwerk Ein Sonntag auf dem Lande (1984), wie in dem Jazzfilm Um Mitternacht (1986) oder auch in seiner 1982 entstandenen dokumentarischen Mississippi-Erkundung Mississippi Blues mit Robert Parrish vertraut Tavernier seine Inszenierung hier einem Milieu an, einem besonderen Ort mit unverwechselbaren Codes und Zeichen. In the Electric Mist ist ein Film der Impressionen, der Schwingungen und der Atmosphäre: ein seltsamer Mix aus Dr-Pepper-Cola und LSD, traulichen Genreszenen und schrecklicher Gewalt. Manchmal könnte man meinen, das Team habe unter Wasser gedreht. Aber anders als die Moorleichen, bei denen sich die Knochen zersetzen und nur die Weichteile erhalten bleiben, hat dieser Film ein Gerüst. Die Albträume des Alkoholikers, die Geister der "Civil Dead", der Bürgerkriegssoldaten, die der Sumpf ausdünstet, verweisen auf das politische Thema, das in Bertrand Taverniers Filmen, vom Saustall (1981) bis Hauptmann Conan (1996), eine zweite große Linie bildet: den Rassismus, den inneren Kolonialismus der weißen Gesellschaften.

In the Electric Mist lief im vergangenen Jahr im Wettbewerb der Berlinale, kam aber schändlicherweise nicht ins Kino. Wenn bei uns die DVD erscheint, hat der 69-jährige Regisseur bei den Filmfestspielen in Cannes bereits seinen neuen Film vorgestellt. Schön, dass der Fluss der Zeit dieses halluzinatorische Murder-Mystery wieder an die Oberfläche gespült hat.