Sie kam in einer ostanatolischen Badewanne zur Welt, doch wann genau, hat sie lange nicht gewusst. Serap feierte ihren Geburtstag mit drei Schwestern zusammen. Sie alle hatten den 1. Januar im Pass stehen. Der Grund: Die Eltern meldeten ihre Kinder stets im Viererpack an. Das Anstehen beim Amt, die vielen Papiere für den Eintrag ins Geburtenregister – lästige Pflichten, die sie erst auf sich nahmen, wenn es sich lohnte. An die wahren Geburtstage erinnerte sich niemand, der Beamte schrieb also den 1. Januar auf. Seraps Mutter hatte zehn Kinder. Drei starben als Baby, sieben stehen heute mitten im Leben. Nur noch eines lebt in Mutters Nähe. Die anderen zogen wie Serap westwärts.

So war das in Ostanatolien vor 30 Jahren. Kinder, Kinder, Kinder – von denen etliche keine Arbeit fanden und nach Westen strömten. Auch nach Europa, nach Deutschland. Das Bild hat sich eingebrannt in den Köpfen der Europäer. Bis heute. Mit der Angst vor immer mehr Zuwanderern arbeitet der Politiker Thilo Sarrazin , wenn er vor kinderreichen Muslimen warnt. Mit der schnell wachsenden Bevölkerung hantieren europäische Gegner des türkischen EU-Beitritts. Doch stimmt das Argument eigentlich noch?

Serap serviert Tee in ihrer Istanbuler Wohnung. Der Strom ist gerade ausgefallen, wir sitzen mit ihrem Mann bei Kerzenlicht in der guten Stube. Serap ist 30 Jahre alt, trägt ein locker gebundenes Kopftuch um ihr schwarzes Haar, lacht nach jedem Satz, ist kraftvoll, lebensfroh und wirkt so, als führte sie mit leichter Hand eine große Familie. Aber sie hat nur ein Kind. Emre heißt ihr Sohn, er ist jetzt zehn Jahre alt. Vor einem Jahrzehnt hatte sie auch geheiratet. Viel später als ihre Mutter, die mit 14 in die Ehe bugsiert wurde und mit 30 Jahren schon ihre sieben Kinder geboren hatte. Zwei Generationen, zwei Leben. Dort war Gölova, das Dorf der Mutter in Ostanatolien, die Weite der Natur und die Enge der Familie. Hier ist Istanbul, Seraps kleine Dreizimmerwohnung und die Weitläufigkeit der Megastadt. Viele Menschen leben in Istanbul, aber nur wenige davon sind Kinder.

Der Ministerpräsident ist tief besorgt. "Wir werden alt!", warnt Tayyip Erdoğan sein Volk. Wenn die Türken nicht mehr Kinder zur Welt bringen, würden sie bald ergrauen wie die Europäer. Er ruft alle türkischen Frauen auf, mindestens drei Kinder zur Welt zu bringen. Für diese Aufforderung wählte Erdoğan in der ihm eigenen Sensibilität den Internationalen Frauentag am 8. März. Serap wollte ihn verdammen, als sie davon hörte. "Wenn er uns große Wohnungen, gesichertes Einkommen und Versicherungen gibt, dann vielleicht", sagt sie. Für zwei Kinder über sechs Jahre zahlt der türkische Staat zwölf Euro im Monat, für drei nicht mehr. Doch ins Sozialbudget hatte der Premier nicht geschaut, sondern nur in die Statistiken. Und die sind tatsächlich auffällig. Seit Mitte der achtziger Jahre fällt die Geburtenrate der Türkei schier unaufhaltsam. Jede Frau bringt heute im Durchschnitt 2,1 Kinder zur Welt, das ist kaum mehr als in Frankreich (2,01 Kinder). Im schnell wachsenden Nahen Osten ist die Türkei die Ausnahme, sie passt besser zu Europa. Wie in der EU steige die Lebenserwartung, falle die Kindersterblichkeit, sagt der Bevölkerungsforscher Ahmet Içduygu von der Koç-Universität. Wieso? Içduygu sagt nur: "Die Entwicklung der Türkei ..."

Die große Wanderung nach Westen – eine Flucht aus der Bevormundung

Die fällt auf einer beliebigen Fahrt durch Istanbul sofort auf. Die Hochhäuser in den Finanzbezirken, die schicken Krankenhäuser mit gebürsteten Stahltresen am Empfang, die hohe Dichte der Cabrios ohne Rücksitzbank, die Cafés für Stadtneurotiker. Was nicht gleich auffällt, aber wichtiger ist: Seraps persönliche Entwicklung. Als sie von der Grundschule kam, empfahlen die Lehrer sie für eine weiterführende Berufsschule. Serap hatte schon die erste Woche hinter sich. Da kam ihr Bruder vorbei und holte sie ab und brachte sie nach Hause mit den Worten: "Frauen studieren nicht." Mit ihren Schwestern arbeitete sie fortan auf dem Feld, von frühmorgens bis abends. Den Lohn sammelte der Vater ein.

Die Schwestern wollten nichts wie weg aus dem Dorf, dem Familiengefängnis. Die Älteste heiratete nach Deutschland, sie lebt in Mannheim. Eine ging nach Ankara, die anderen Schwestern zog es nach Istanbul. "Endlich in die große Stadt", sagt Serap. "Du kennst niemanden, und niemand engt dich ein." Nicht mehr auf dem Feld arbeiten. Nicht mehr für den Vater Geld verdienen. Nicht mehr bevormundet werden. Das war die Hoffnung. Die Realität sind mehrere Jobs gleichzeitig als Kindermädchen und Raumpflegerin. Seraps Mann arbeitet als Fahrer für eine Kantine. So hangeln sie sich durch in der großen, teuren Stadt. Immerhin.

Die große Wanderung nach Westen gehört zur türkischen Entwicklung wie die endlosen Vorstädte von Istanbul, die in den vergangenen 30 Jahren wild gewachsen sind. Ganze Straßenzüge wurden über Nacht aus dem Boden gestampft. Eine Stadtplanerin sagt, sie fahre regelmäßig in diese Gegenden und trage anschließend die neu gebauten Straßen auf einer großen Karte in ihrem Büro ein. Fast 70 Prozent der Türken leben heute in Städten, vor 30 Jahren lebte die Mehrheit noch auf dem Land. Im Westen sind Izmir und Ankara, Antalya und Bursa stark gewachsen. Dort ist die Türkei Europa am ähnlichsten, dort haben die Menschen weniger Kinder. In Ostanatolien, in den türkischen und vor allem kurdischen Gebieten ist das Bild auf den ersten Blick spiegelverkehrt. Dort bringt eine Frau im Durchschnitt sogar mehr als drei Kinder zur Welt, Erdoğan könnte zufrieden sein. Aus Ostanatolien stammen auch die meisten neuen Zuwanderer in Deutschland. Liegt hier der Sorgenquell der Europäer?