Lissabon, im Mai 2010. Sein Anzug hat schon aufgegeben. Am Jackett fehlen zwei Knöpfe, die Fäden hängen lose herunter. Der Mann selbst aber wirkt noch ganz munter. Federnden Schrittes eilt Jean-Claude Trichet über den dunklen Parkettboden im Audimax der Universität Nova von Lissabon. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) spricht über die Bedeutung der Finanzbranche für die Wirtschaft. Aber alle hier interessiert nur, was er zum Euro sagt.

Es ist Trichets vierter Termin am heutigen Tag – und die Tage davor waren hart. Abertausende Flugkilometer hat er zurückgelegt, er war in Berlin, in Paris, in Sydney, in London, in New York, in Brüssel. Er hat mit Zentralbankkollegen gesprochen, mit Regierungschefs und mit Bankern. In dieser existenziellen Krise der europäischen Einheitswährung ist Jean-Claude Trichet der oberste Krisenmanager. Er muss Dinge tun, die sich in Europa für einen Zentralbanker nicht gehören. Deshalb steht er unter Beschuss wie noch nie. Für die einen ist er der Retter der gemeinsamen Währung, für die anderen weicht er sie gerade auf.

In der wohltemperierten Welt der Notenbanken, der kontinentaleuropäischen zumal, ist der Begriff Krisenmanager nicht unbedingt positiv besetzt. Wirtschaftsprofessoren geben den Ton an. Die Geldversorgung der Wirtschaft – das Geschäft der Zentralbanken – ist eine langwierige Angelegenheit. Sie erfordert wohlüberlegte Entscheidungen und zieht trockene Typen an. Die Politik mit ihren Zwängen ist ihnen fremd und ihre Unabhängigkeit heilig. Wer sich zu häufig mit gewählten Volksvertretern einlässt, der macht sich verdächtig, ihr Erfüllungsgehilfe zu sein.

Trichet ist ein Mann der Tat, der Verhandlungen, der Diplomatie. Er hat keine Berührungsängste und scheut sich nicht, neue Wege zu gehen, wenn es der Problemlösung dient. Drei Jahrzehnte kämpft er schon gegen Unruhen an den Finanzmärkten. In den siebziger Jahren war er als Sonderbeauftragter des französischen Finanzministeriums gegen die Ölkrise im Einsatz. In den achtziger Jahren kümmerte er sich um die Umschuldungen zahlungsschwacher Entwicklungsländer. Er war dabei, als Spekulanten in den neunziger Jahren das europäische Währungssystem zum Einsturz brachten.

Der Chef gibt den Befehl, die Märkte mit Liquidität zu fluten

Eine Lehre hat der Karrierebeamte aus den großen Krisen der Vergangenheit gezogen: Wenn die Märkte in Aufruhr sind, lassen sie sich nur durch schnelles und entschlossenes Handeln der Politik beruhigen. Als im Jahr 2007 die ersten Banken kollabierten, gibt er den Befehl, die Märkte mit Liquidität zu fluten, und verhindert damit den Zusammenbruch des Finanzsystems. Als in Deutschland die Hypo Real Estate wankt, drängt er die zögernden deutschen Politiker zur Rettung der angeschlagenen Bank.

Als die prekäre Finanzlage Griechenlands bekannt wird, schaltet sich Trichet in die Sanierungsverhandlungen ein. Er weiß um die Sprengkraft der Angelegenheit, er gelangt früh zu der Überzeugung, dass den Griechen im Notfall geholfen werden muss . Das bedeutet aber auch, dass er sich die Hände schmutzig machen muss. Trichet nimmt an den Gipfeln der europäischen Staats- und Regierungschefs in Brüssel teil. Wieder zögert die Politik, vor allem Berlin stellt sich quer, und wieder mahnt er zur Eile. Zusammen mit Dominique Strauss-Kahn, dem Direktor des Internationalen Währungsfonds, reist er nach Berlin, um den skeptischen Bundestagsfraktionen den Ernst der Lage deutlich zu machen.

So kommt es an einem Mittwoch im April im Finanzministerium an der Wilhelmstraße zu einem bizarren Aufeinandertreffen von Hochfinanz und Provinzpolitik, bei der, so berichten es Teilnehmer, die Vertreter der Grünen und der Linkspartei noch die beste Figur abgeben. "Schnell" müsse es jetzt gehen, warnen die beiden Franzosen, "je schneller, desto besser". Die Abgeordneten wiegeln ab, die Zahlen über das Volumen der Notkredite, die Strauss-Kahn vertraulich weitergibt, plaudern die Teilnehmer kurz nach Ende der Runde fröhlich aus. Es ist keine Sternstunde des deutschen Parlamentarismus.