In diesen Tagen kann man den obersten Chef eines führenden Wirtschaftsinstituts in Deutschland anrufen, ihn zum Auf und Ab des Eurokurses befragen und die erstaunliche Antwort erhalten: "So genau weiß ich’s nicht."

Vielleicht gehört das zur neuen Demut der Ökonomen seit dem Wirtschafts-Crash. Aber wie schade. Das Auf und Ab des Euro ist ja gerade sehr spannend. Alleine das Ab macht viel her: ein Kurssturz von 1,51 Dollar Ende November auf 1,26 Dollar Ende vergangener Woche. Jedoch: Noch interessanter als das Ab ist das gelegentliche Auf.

Das kommt auch vor. Schon am vergangenen Freitag, während manche Nachrichtensendung den Kollaps der Gemeinschaftswährung vorhersagte, ging der Eurokurs schon wieder um ein paar Punkte nach oben. Auch zum Wochenbeginn bewegte er sich im Zickzack . Nicht alle haben die europäische Währung verkauft oder wild dagegen spekuliert. Einige haben sie auch gekauft oder an den Finanzmärkten auf eine Erholung gesetzt.

Außerdem scheint es eine erstaunlich hohe Zahl von Leuten zu geben, die überhaupt nichts tun und ihre Euros einfach behalten. Eine Massenpanik sieht nämlich anders aus: Da wäre der Euro jetzt bloß noch ein paar Cent wert. Da würde er nicht zu Kursen gehandelt, die historisch gar nicht schlecht aussehen: Das Umtauschverhältnis zum Dollar lag ja früher schon mal bei 80 Cent.

Was treibt sie also an, die sturen Euro-Halter, die Euro-Verkaufs-Verweigerer, die Euro-Käufer-wider-den-Trend? Wenn man Ökonomen dazu befragt – und wen soll man sonst fragen? –, verteilen sich die Antworten auf drei Denkschulen.

Nummer eins: Wir sollten darüber überhaupt nicht nachdenken. Die Märkte sind die Märkte, da wird aus der Hüfte geschossen, man kann sie nicht verstehen. Das ist also streng genommen nicht wirklich eine Denkschule, sie hat aber viele Anhänger.

Denkschule Nummer zwei: Jawohl, die Märkte spielen bisweilen verrückt, vielleicht sogar die ganze Zeit über, aber vielleicht können wir sie doch verstehen. Eine vergleichsweise junge Forschungsrichtung in der Ökonomie bemüht sich darum, menschliche Verhaltensweisen zu begreifen, um daraus Erklärungen für das Wirtschaftsgeschehen zu entwickeln. Zum Beispiel für den Eurokurs.

Das ist verdienstvoll, denn die alte Daumenregel der Ökonomen, dass Menschen sich hauptsächlich rational verhielten und ihren Nutzen mehren wollten, stößt in der Praxis an Grenzen. Den Willen zum rationalen Wirtschaften mögen die Menschen vielleicht haben, doch manchmal fehlen ihnen die Informationen, auf deren Grundlage sie vernünftige Entscheidungen fällen könnten. Häufig ist die Lage gar komplett unübersichtlich – zum Beispiel am internationalen Währungsmarkt, wenn in Griechenland die Straße brennt, die Politiker durcheinanderreden und die Rettungsaktionen für den Euro verzweifelt anmuten.

Ökonomen mit einer Neigung zur Verhaltensforschung und Wirtschaftshistoriker haben beeindruckend dokumentiert: Es gibt Momente, da reagieren Finanzmärkte geradezu wild und panisch auf vergleichsweise unbedeutende Nachrichten aus dem Wirtschaftsgeschehen. Und es gibt ganz andere Momente, da reagieren sie auf wichtige Nachrichten träge und mit gewaltigen Verzögerungen. Mag sein, dass das beim Euro gerade der Fall ist.