Barack Obama, bei seinem Besuch der ölbedrohten Küste von Louisiana in leichter Windjacke auftretend, gab für die Öffentlichkeit das Bild einer stilsicheren Demut vor der Katastrophe, die das Tragen von Maßanzügen verbietet. So, sportlich und praktisch gewandet, hätte er jederzeit auch einen Spaten ergreifen können, um den gefürchteten Ölschlamm vom Strand zu schippen. Anzug und Krawatte dagegen hätten Distanz signalisiert oder, schlimmer noch, die Neigung, alles Praktische und Schmutzige zu delegieren. Freilich wäre das der Wahrheit näher gekommen – denn was kann ein Staatspräsident anderes tun, als Arbeit zu delegieren?

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Aber in der Politik ist nun einmal vieles auch Symbol, und das Symbol muss gerade nicht das Wirkliche darstellen, das sich überprüfen lässt, sondern das, was sich nicht überprüfen lässt, nämlich die innere Einstellung. Vor einer Katastrophe, die sich schlimmstenfalls nur händisch bewältigen lässt, werden wir alle, das war Obamas Botschaft, zu Windjacken-, zu Arbeitsjacken-, zu Lastträgern.

Auch das Elbhochwasser seinerzeit wurde von Gerhard Schröder nicht im Brioni-Anzug besichtigt. Legendär sind die Truppenbesuche Churchills in einem unförmigen Overall, der ihn zwar nicht wie einen Infanteristen, sondern eher luftwaffennah, aber doch immerhin feldzugtauglich aussehen ließ.

Modische Nähe zum Schicksal des einfachen Kämpfers haben schon die Monarchen früherer Jahrhunderte gesucht, Friedrich der Große trug schließlich überhaupt nichts anderes mehr als eine Hauptmannsuniform, die noch dazu großzügig verfleckt war, wenn auch nicht von Pulver und Schlachtenschlamm, sondern von Schnupftabak. Der römische Feldherr Cincinnatus teilte Brot und Lager mit seinen Legionären, und auch dies entsprang keiner wirklichen Not, wohl aber der wirklichen Bereitschaft, mit den Mannschaften alles, auch das Schlimmste zu teilen. Es liegt darin eine gewisse Heuchelei, aber keine überflüssige und keine, die gratis wäre. Der große Mann teilt vielmehr bindend mit, dass er die kleinen Leute zu nichts verpflichten wird, was er nicht auch mitzumachen bereit ist.