Es sind die weggetretenen Tage: Am 5. Mai starben bei Protesten drei Menschen im Feuer einer Bank , dann musste das Parlament, das nicht mehr entscheiden, nur noch handeln kann, das Sparpaket durchwinken . Und nun spielt auch noch dieser Taxifahrer verrückt – er benimmt sich exakt so, wie der Deutsche sich einen Athener Taxifahrer vorstellt: schimpfen, hupen, Vollgas. Das ganze Land sei kaputt, so der Fahrer, warum sollte er sich dann noch einen Straßennamen merken? Der unvermeidliche Taxifahrer spricht, als bekäme er es bezahlt, die drei am häufigsten gesprochenen Sätze der europäischen Gegenwart: Die Reichen bereicherten sich, die Armen müssten alles bezahlen, die Gewerkschaften seien Teil des Systems, also korrupt. Die Krise, so verstand der Reporter in Athen, ist natürlich auch deshalb eine Krise, weil die Worte ausgehen. Frage vom lustigen Dicken am Steuer in Richtung Rückbank: "Seid ihr Krawalltouristen?" So ähnlich.

Wir haben Verabredungen mit Vertretern der griechischen Kultur: derzeit auch keine ganz unkomplizierte Sache. Der bekannteste Grieche der Gegenwart, so konnte man in den (natürlich dummen, manchmal leider aber auch ganz lustigen) Hetz- und Schmähtexten von Bild- Zeitung und Focus lesen, sei der Fußballtrainer Otto Rehhagel, der letzte griechische Kulturexport von internationalem Rang heiße Maria Callas.

Das stimmt nicht ganz, aber fast. Jedenfalls fällt es dem Kulturreporter nicht leicht, fünf, sechs Gespräche mit im Ausland bekannten griechischen Künstlern aufzustellen. Verabredungen werden getroffen und wieder abgesagt: Das Selbstbewusstsein der griechischen Intelligenz scheint angeknackst. Man wolle zum Niedergang des Landes nicht dadurch beitragen, dass man auch noch darüber rede. (Echt? Interessanter Standpunkt.) Die Kultur brauche Zeit, um die Katastrophe zu verarbeiten – in fünf, sechs Jahren ließen sich die Früchte der Krise in Kunst, Theater und Literatur betrachten.

Also erst mal, was ja immer das Schönste ist, die Straßen auf- und abrennen: Hier, auf den Straßen Athens, läuft ja derzeit das ganze europäische Drama, der Film, das Theaterstück ab.

Die oft beschriebene, absolut gleichförmige Hässlichkeit der Stadt (Beton). Die Scherben der vergangenen Nächte sind noch nicht aufgekehrt. Banken und Geschäfte liegen hinter heruntergelassenen Metalljalousien. Das Metall vor Hermès, Chopard und Louis Vuitton wirkt auch deshalb großartig, weil es das Böse und Aggressionsfördernde, das zum Reiz des Luxus dazugehört, in einer bisher ungekannten Art ausstellt (der Luxus gehört weg, man möchte ihn kaputt machen, aber das geht nicht einfach, gegen diese Metallvorhänge kommt kein Mensch an). Am Syntagma, dem Platz vor dem Parlament, ziehen am 6. Mai die Demonstranten auf. Polizeilinien. Rote Fahnen. Es heißt, es wird nicht knallen, da der Schreck über die Toten tief sitzt. Die Uniform des jungen Linksalternativen: lustiges T-Shirt, Dreiviertelhose, Irokesenkamm. Sprechchöre: "Der Parlamentspuff soll brennen." Einer ruft in Richtung Regierungsgebäude: "Macht das Licht hinter den Scheiben aus, das zahlen wir." Die unbeschreibliche coole Art des Polizisten, der sich eine Gasmaske vor das Gesicht zieht. Man sieht: So ein Polizeischild ist auch dafür gut, um sich darauf zu stützen. Die demonstrationstypische Ratlosigkeit: Weshalb tun wir das hier eigentlich? Weil es möglich ist, deshalb. Rumschreien macht Spaß, das Demonstrieren ist nicht nur ein Grundrecht, sondern ein Grundbedürfnis des Menschen. Der Abendhimmel im berühmten attischen Licht. Die besten Zuschauerplätze der Revolution liegen auf den Dachterrassen der Luxushotels Grande Bretagne, King George Palace und Athens Plaza. Wir fahren zu einer Ausstellungseröffnung in das Contemporary Art Center, eine der etablierten Galerien der Stadt, in den engen Straßen hinter dem Fußballstadion von Panathinaikos Athen gelegen. Das Gebäude einer ehemaligen Druckerei: Betonböden, Glas, Metall. Die Kunstszene in Athen sieht natürlich nicht anders aus als die in Berlin Mitte: das diskret und klug investierte Geld der Bourgeoisie. Elegante Kostüme, die Männer mit teuren Brillen und Turnschuhen. Eine Vernissage einen Tag nach dem Generalstreik? Die Galeristin Ileana Tounta erklärt: Die Einladungen seien seit Wochen draußen, da habe man nicht mehr reagieren können. In Athen gebe es eine aktive Galerieszene, der Kreis der Käufer sei allerdings traditionell begrenzt. Die Galeristin: "Wir gehen durch eine schwierige Phase, die Leute sind deprimiert und verängstigt und bleiben zu Hause." Tatsächlich ist bei den Gästen in diesen Räumen weniger die Kunst an den Wänden als die Unruhe vor dem Parlament Gesprächsthema.

Athen erlebe die größten Demonstrationen seit der Revolution vor 35 Jahren. Erst eineinhalb Jahr ist es her, dass der Tod eines 15-jährigen Demonstranten bürgerkriegsartige Unruhen ausgelöst hatte, die monatelang immer wieder aufflammten, ein wahres Fest der Gewalt, inszeniert von jungen Autonomen und Anarchisten. Ein junger Mann mit Lockenkopf und Weißweinglas in der Hand, er stellt sich als Betreiber eines Kunstraums namens 6 Dogs vor: "Wir sind geschockt." Wirklich geschockt? Oder sagt sich das nur so dahin, weil, wenige Kilometer von den weiß getünchten Galerieräumen entfernt, die Stadt zur Straßenschlacht rüstet?

Der Locken-Typ wirkt verärgert. Dann muss er lächeln: "Wir haben, was ja jeder weiß, vor 2500 Jahren Europa erfunden. Nun stellen wir erneut die Avantgarde – in den Problemen: Wenn wir heute um die Probleme Griechenlands ringen, dann ringen wir um die Probleme, die ihr in Zukunft haben werdet. Wir leben die Zukunft Europas, mein Freund."