Was mir heilig ist? Religiöse Gefühle der Menschen, unabhängig von Konfessionen. Und nicht die Institutionen, welcher Couleur auch immer. Bei einer Diskussion in einer Fachoberschule sagte eine junge Frau: "An Gott glaube ich, aber nicht an diese Firmen." Diese Firmen haben ausgedient, weil sie die Bindung zu den Menschen verloren haben zugunsten des Paktierens mit Regierungen, mit der Wirtschaft, anderen Firmen und schließlich der Europäischen Union.

Derweil frage ich mich, was an diesem Europa christlich ist. Die Art, wie die EU mit Subventionen für eigene Produkte die Wirtschaft der afrikanischen Länder kaputt macht und ein Heer der Hungernden produziert? Oder die beschämende Weise, wie der Kleinstkontinent die Hungernden empfängt, wenn sie als Flüchtlinge erschöpft an seinen Küsten landen?

Das Christentum war einst eine Religion der Sklaven. Heute ist es eine Plakette für die C-Parteien geworden. Jener Jesus von Nazareth, der im Garten von Gethsemane so "unvernünftig" gehandelt hat, wäre heute in diesem Europa ein Brandstifter geworden. Und er hätte abermals die Geldwechsler aus dem Tempel geworfen. Und er hätte das religiöse Empfinden der Menschen geachtet, selbst wenn sie einen Nagel an die Wand schlagen und ihn anbeten. 

SAID, geboren 1947 in Teheran, gehört als Exil-Iraner mit deutscher Staatsangehörigkeit zu den wichtigen politisch engagierten Schriftstellern dieses Landes. 1965 kam er nach München, er schreibt seit Langem auf Deutsch. Zuletzt erschienen von ihm der Essayband "Das Niemandsland ist unseres. West-östliche Betrachtungen" (Diederichs-Verlag) und die Gedichtsammlung "Ruf zurück die Vögel" (C. H. Beck). SAID liest auf dem Ökumenischen Kirchentag in München