Ein Historiker von Rang, der seine Geschichte der Franzosen mit getragenem Ernst, ja einer gewissen Feierlichkeit niederschrieb, fand unversehens heitere Töne, als seine Erzählung bei Henri Quatre anlangte. König Heinrich IV . habe sich, als er der Macht über das Land endlich sicher sein konnte, als "ein Ausbund an Vitalität" erwiesen – trotz seiner 47 Jahre (die in jener Epoche als ein vorgerücktes Alter galten) und trotz des ergrauten Bartes und der allzu prominenten Nase, die fast seine Oberlippe erreichte, immer noch ausgesprochen gut aussehend.

Heinrichs Charakter, schreibt Guillaume-André de Bertier de Sauvigny in seinem 1977 erschienenen Buch weiter, sei von dem "unsteten Leben eines Partisanenführers" geprägt worden, sein politisches Urteil von den Wechselfällen des Geschicks geschärft; er habe in allen Regionen und Winkeln Frankreichs das Leben seiner einfachsten Untertanen kennengelernt, was für einen König ganz ungewöhnlich gewesen sei. "Er bezauberte durch seinen Elan, seine gute Laune, seine ungezwungenen Manieren, seinen Geist, seinen Witz, seinen verzeihenden Großmut und durch seine Fähigkeit, Befehle als Bitten" zu formulieren.

56 seiner Mätressen sind namentlich bekannt

Nein, die gute Laune zählte nicht zu den dominierenden Eigenschaften der bedeutenden Herrscher Frankreichs, nicht der gekrönten und nicht der republikanischen. Sie zeichnete weder Ludwig XIV. noch Napoleon aus, weder Clemenceau, den Organisator des Sieges im Ersten Weltkrieg, noch Charles de Gaulle, den Gründervater des heutigen Frankreich. Freilich, die streng katholische Gesinnung verbot es Bertier de Sauvigny, die wichtigste Quelle der Daseinslust Heinrichs von Navarra beim Namen zu nennen: eine erotische Dynamik, wie sie keinem anderen König, auch keinem Präsidenten Frankreichs nachgesagt werden kann.

Oder übertrieben seine Bewunderer die Liebeskräfte des "guten Königs"? Der Schriftsteller André Maurois berichtete 1947 in seiner nüchternen Geschichte Frankreichs von 56 Mätressen, die mit Namen verzeichnet seien. Die Unbekannten und Unbenannten dazugerechnet, müsse die Zahl wohl verdoppelt werden, und die Schar der Kinder, die er zeugte, hätte, auf einem Fleck versammelt, eine stattliche Gemeinde ergeben.

Seine ehelichen Sprösslinge ließ Heinrich – allzeit ein begeisterter Vater – zusammen mit den Kindern erziehen, die seine damalige Hauptmätresse fast taktgleich mit der Gattin Maria von Medici zur Welt brachte. Murrend fügte sich die Florentinerin, die 600.000 Goldtaler in die Ehe gebracht hatte. Eine sagenhafte Mitgift – freilich nicht hoch genug, um die Schulden des Königs zu tilgen. Aber sie boten eine Entlastung. Statt Dank zu ernten, wurde die statuöse Königin, deren üppige Formen später von Peter Paul Rubens schmeichlerisch verewigt wurden, am Hofe heimlich als "la grosse banquière", als "fettes Bankiersweib", verspottet.

Maria von Medici war Heinrichs zweite Frau. Die erste Ehe schloss er mit einer Tochter Katharina von Medicis: Margarete von Valois, die machtbewusste, vitale Königin Margot. 1599 war die Ehe geschieden worden, da kinderlos geblieben. Lieber hätte Heinrich die schöne Gabrielle d’Estrées geheiratet, seine offizielle Mätresse. Doch die energische Margot, ganz Tochter ihrer Mutter, hatte sich nur unter der besonderen Bedingung scheiden lassen, dass sie selber zunächst Königin bleibt und Heinrich die dicke, reiche Maria heiratet, eine Verwandte aus dem Medici-Clan.

Die Ehe erstickte seine Lebenslust nicht. Darum vergöttern ihn seine Landsleute bis zum heutigen Tag (auch wenn ausgerechnet die glühendste Verklärung seiner Gestalt in der Romanbiografie Heinrich Manns nie so recht ihr Interesse fand, vielleicht weil ihnen Manns chronisch hoher Ton doch zu anstrengend ist). Heinrichs robuster Machtwille verband sich stets mit dem Wunsch, sein Glück zu dem der vielen, zu dem des Volkes zu machen.

In der Tat bescherte er Frankreich von 1594, dem Jahr seines Einzugs in Paris , bis 1610, dem Jahr seiner Ermordung, eine Ära des inneren Friedens. Eine Zeit, in der die Bauern ihre Äcker ohne die Furcht bestellen konnten, dass die reifende Ernte morgen von dem einen oder anderen Heerhaufen in den Boden gestampft würde. Eine Schonfrist, in der das Handwerk wieder gedieh, die Städte nicht mehr den Plünderungen durch die katholische oder die protestantische Soldateska preisgegeben waren. Eine Zeit des aufblühenden Wohlstandes, in der sich Geld genug in den Kassen des Königs sammelte, um im Lande Brücken und Straßen, in Paris den Pont Neuf und den Louvre zu bauen, um neue Industrien zu gründen. So konnten sich in den letzten Jahren seiner Herrschaft auch die Franzosen der unteren Stände sonntags das Huhn im Topf leisten, das er ihnen versprochen hatte. Die Bürger sagten hernach, Henri Quatre habe Frankreich ein "goldenes Zeitalter" geschenkt.

Anderthalb Jahrzehnte, mehr nicht: ein Aufatmen nach den fast vierzig Jahren, in denen das Land den Religionskriegen ausgeliefert war, grausamer Hader, der immer wieder aufbrach, weil jede Partei und jeder ihrer Heerführer die mühsam zusammengebastelten, manchmal auch eilig improvisierten Friedensschlüsse nur als Chance nutzte, den nächsten Waffengang vorzubereiten. Das Pathos der Prediger – gleichviel ob es auf protestantischen oder katholischen Kanzeln erschallte – und der fistelnde Eifer der religiösen Fanatiker tarnten Beutegier und schiere Mordlust mit dem Anspruch der Legitimität, die aus dem Glauben stammt. Wer heutzutage naiv genug ist, den fromm drapierten Terror der Islamisten für eine beispiellose Verirrung zu halten, der lese in der Geschichte der europäischen Religionskriege nach, zu welch viehischen Schlächtereien, zu welch absurden Gräueln, zu welcher Verwüstungs- und Vernichtungswut die katholischen wie die protestantischen Heerscharen im Namen Gottes fähig waren!