Die ZEIT: Es gibt ein legendäres Bonmot von Heiner Müller, der in höhnischem Pessimismus gesagt hat, Hoffnung sei etwas für Leute, die unzureichend informiert seien. – Stimmt es, dass wir Menschen, je mehr wir wissen desto weniger hoffen?

Hans Joas: Das hieße ja, wer sich freut, hat die schlechte Nachricht nur noch nicht vernommen. So eine Behauptung ist rhetorisch eindrucksvoll, weil der Pessimist von sich behauptet: Ich allein habe eine realistische Einsicht in die bevorstehenden Katastrophen. Wenn ihr so gut Bescheid wüsstet wie ich, würde euch das Lachen vergehen. Als empirischer Wissenschaftler behaupte ich dagegen: Man muss die Gegenwart möglichst vorurteilsfrei erforschen, um zu wissen, was die Zukunft bringt. Der Witz an der Hoffnung ist, dass wir auch bei schlechten Aussichten nicht verzweifeln.

ZEIT: Worauf hoffen die Menschen heute noch?

Joas: Charakteristisch für die Zeitstimmung in Westeuropa ist nicht Hoffnungslosigkeit, allerdings gibt es ein nagendes Gefühl, dass es so nicht weitergeht. Es gibt einen auffälligen Kontrast zur Zeit nach 1945, als verschiedene Varianten von Fortschrittsoptimismus vorherrschten, die sich Ende der sechziger Jahre ins Utopistische steigerten. Unsere heutige Zeitstimmung ist eher von negativen Utopien gekennzeichnet.

ZEIT: War die neue Hoffnung nach dem Zweiten Weltkrieg nicht eine wider besseres Wissen?

Joas: 1945 steht für das Ende einer Epoche, die viel länger dauerte als der Krieg. Schon der Erste Weltkrieg hatte die Fortschrittsbegeisterung des 19. Jahrhunderts schwer erschüttert, und Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes wurde nicht zufällig zum Bestseller. Aber bald nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Anknüpfung an den alten Fortschrittsoptimismus. Im Westen glaubte man an eine immerfort wachsende Wirtschaft, die sich von zyklischer Krisenhaftigkeit lösen kann, man träumte von der friedlichen Nutzung der Kernenergie als einer quasi kostenlosen Energiequelle.

ZEIT: Warum erleben wir derzeit relativ wenig Verzweiflung angesichts von Finanzkrisen, Staatsbankrotten, Ökokatastrophen, wachsender Armut?

Joas: Sie reden ja, als ob wir alle miteinander verzweifelt sein müssten. Das Zeitgefühl ist eher so: Es geht uns eigentlich gut, es geht sogar voran, aber die Grundlagen unseres Zusammenlebens sind erstaunlich instabil. Das ist noch kein Grund dafür, dass wir uns fühlen wie vor Dantes Höllentor: Die Ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren! Positiv an der Überwindung eines naiven Zukunftsoptimismus ist, dass die Menschen, die sich ja keineswegs von Idealen verabschiedet haben, realistischer geworden sind.

ZEIT: Ist der Zweckoptimismus ausgestorben?

Joas: Nein, im Gegenteil. Auf dem Buchmarkt erleben wir eine regelrechte Konjunktur positiven Denkens: Ratgeberliteratur, die einem sagt, dass man nur an den eigenen Erfolg glauben muss, um erfolgreich zu sein. Obwohl die Finanzkrise den Glauben an diese Art der Autosuggestion erschüttert hat, obwohl die Kreditmentalität und das Über-die-Verhältnisse-Leben nicht mehr funktionieren, gibt es weiterhin die Tendenz zu diesem autosuggestiven Erziehungsstil. Darin liegt eine groteske Überschätzung des Einflusses unserer inneren Einstellungen auf äußere Handlungsresultate.