Wenn die Clooneys und Pitts, die Kidmans und die Stones in diesen Tagen zum Filmfestival nach Cannes reisen, werden sie feststellen, dass sich dort einiges geändert hat. Vorbei sind nämlich die Zeiten, als hochnäsige Hoteliers ihnen Besenkammern zum Preis einer Suite andrehten, kleine Zimmer, in denen sich der Muff von Jahrzehnten festgesetzt hatte. Nachdem der erste vom hohen Ross stieg und sein Haus renovieren ließ, zogen die anderen nach. Insbesondere die drei Grazien an der Strandpromenade wurden einem Lifting unterzogen: zuerst das Martinez aus dem Jahre 1929, dann das Carlton von 1911 und nun, passend zur Eröffnung des Filmfestivals, das Majestic, das erstmals 1923 Gäste empfing.

Strahlend weiß thront der Art-déco-Palast an der Promenade de la Croisette. Rund 80 Millionen Euro hat die Lucien-Barrière-Gruppe, zu der auch das bekannte Hotel Fouquet’s Barrière in Paris gehört, ins Majestic investiert. Mit dem Geld wurde der alte Teil entrümpelt und ein neuer Teil mit 42 Suiten und zwei Penthouses angebaut. Wer sich über die breite Einfahrt mit den hohen Palmen dem Hotel nähert, erkennt zuerst gar nicht, wie viel sich verändert hat. Links liegen der Pool und die Restaurantterrasse, und vor dem Portal steht wie eh und je livriertes Personal, das die Koffer des Gastes höflich in Empfang nimmt. Auch die Lobby erinnert noch an frühere Zeiten, mit dem Unterschied, dass die ägyptischen Statuen verschwunden sind und die Gäste nun auf tiefen, graubraun schimmernden Samtsofas sitzen. Dass es hier noch einen Conciergeposten gibt, darf man fast als Statement werten. Denn mehr und mehr Grandhotels ersetzen die erfahrenen Gästebetreuer durch junge Leute, die oft mehr durch Beflissenheit als mit Ortskenntnis glänzen. Das Majestic dagegen hält an seinem Chefconcierge fest. Seit 30 Jahren arbeitet er hier. Sonnengebräunt, cool, wie ein gealterter Hollywoodstar. Mit traumwandlerischer Sicherheit sorgt er dafür, dass die Gäste zufrieden sind.

Auf die Gestaltung der Zimmer hat er leider keinen Einfluss. Dabei wäre gerade da noch einiges zu tun. Das neue Dekor steht etwas zu sehr in der Tradition des alten. Düsterer Teppichboden, gestreifte Jerseytapete, karminroter Samtsessel, wuchtiges Holzbett und eine Orchidee, die in diesem Ambiente geradezu spießig wirkt. Nichts von Leichtigkeit und Sommerfrische. Eine Diva mag sich noch an dem geräumigen Bad in grauweißem Marmor erfreuen, und auch beim überdimensionalen TV-Bildschirm hat man wohl an narzisstische Stars gedacht, die sich gerne in voller Größe sehen.

Weit gedacht war das aber nicht. Zum einen gibt es in diesem Hotel keine DVDs auszuleihen, zum anderen wirken die Flatscreens hier so deplatziert wie die weißen Plastikstühle auf dem Balkon. Bei einem Zimmerpreis von bis zu 600 Euro hätte man sich geschmackvolle Sitzmöbel gewünscht – und vielleicht auch eine Decke, die lässig über der Lehne liegt und an kühlen Abenden wärmt.

Nach und nach fällt einem auf, dass diesem Haus jene Großzügigkeit fehlt, die in Grandhotels einmal üblich war. Man spaziert zum Strand und muss für die hoteleigene Liege schon mal 30 Euro täglich zahlen. Man möchte ins Fitnesscenter, für das 15 Euro täglich berechnet werden, und auch die Nutzung des Internets schlägt mit täglich 15 Euro zu Buche. Zum Glück kostet der Sitzplatz an der Hotelbar nichts. Tiefrote Samtsessel stehen vor schwarz lackierten Tischen, die Teppiche schlucken jedes Geräusch. Ein überaus charmanter Barkeeper serviert Martini mit Olive und stellt gleich noch ein Schälchen Chips dazu. Später verwöhnt das Restaurant Fouquet’s den Gast mit einem "Rinderfilet an grüner Pfeffersauce" und "Crème brûlée". Solide Zubereitung, gute Produkte, da meckert man nicht. Das Restaurant genießt in Cannes den Ruf, ein Treffpunkt der Stars zu sein.

Gäste aus Hollywood werden im Anbau des Majestic untergebracht. Der neue Flügel ist im Stil des alten Gebäudes errichtet und komplettiert den bisher L-förmigen Bau zu einem U. Gern riskiert man einen Blick in das 450 Quadratmeter große Penthouse mit Dachterrasse, schließlich möchte man wissen, wo Stars für 38000 Euro die Nacht absteigen. Doch selbst ein Clooney könnte nicht genug Verehrerinnen mitbringen, um diese schlossartig ausladenden Räume zu füllen. Außerdem sieht es hier alles andere als sexy aus: Wer braucht schon ein biederes Esszimmer mit sieben großen Tischen und Lederstühlen in Hellbeige? Keine location für eine After-Hour-Party, eher schon tagen Aufsichtsräte in diesen nüchternen und lieblos gestalteten Zimmern. Die 150 Quadratmeter große Terrasse mit Pool, Teakholzdielen und Cinemascope-Blick auf das Meer und die Altstadt von Cannes tröstet auch nicht, denn selbst hier steht jenes schäbige weiße Plastikmobiliar. Hollywoodträume sehen anders aus.

Majestic Barrière, 10, La Croisette, F-06407 Cannes, Tel. 0033-492987700, www.lucienbarriere.com, DZ ab 300 Euro