Ach, Familie. Wann immer die Länder Lateinamerikas sowie Spanien und Portugal zusammenkommen, wird viel von Brüderlichkeit und Verwandtschaft gesprochen, doch wie in allen Familien kann es auch anstrengend werden. Das war vor drei Jahren so, als der spanische König Juan Carlos dem chronisch schwatzhaften Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez, sein mittlerweile legendäres "Warum hältst du nicht einfach mal den Mund?" entgegenschleuderte.

Und es ist auch jetzt so, da Spanien am Montag zum EU-Lateinamerika-Gipfel nach Madrid bittet. Eingeladen war nämlich auch ein Gast, den viele andere dort nicht sehen wollten: Porfirio Lobo , der im November zum honduranischen Präsidenten gewählt wurde – allerdings erst, nachdem das Militär seinen Vorgänger aus dem Amt geputscht und im Schlafanzug außer Landes gejagt hatte. Einen unter derart anrüchigen Umständen gewählten Kollegen wollten einige lateinamerikanische Staatschefs nicht in ihrer Mitte dulden – sie drohten mit Boykott.

Für Spanien wäre es einem Desaster gleichgekommen, hätten Schwergewichte wie Brasilien und Argentinien seine Einladung ausgeschlagen, man munkelt, Madrid selbst habe Lobo gedrängt, nicht zum Gipfel zu kommen. Wie auch immer: Der honduranische Präsident sagte ab, er wird in Madrid nur am kleineren EU-Zentralamerika-Treffen teilnehmen. Schließlich will die EU ein Freihandelsabkommen mit den Staaten Lateinamerikas abschließen. Der Gipfel scheint damit vorerst gerettet, Spanien kann sein Gesicht wahren.

Vor allem aber will es seinen Einfluss aufrechterhalten. Gerade in diesem Jahr, da viele lateinamerikanische Staaten das 200-jährige Jubiläum ihrer Unabhängigkeit oder Unabhängigkeitsbewegung begehen und Spanien um seine Wirtschaft bangt, dürfte vielen Spaniern noch einmal schmerzhaft bewusst werden, wie mächtig ihr derzeit so schwächliches Land einst war. Doch so kometenhaft der Aufstieg des Weltreichs verlief, so tragisch war auch sein Niedergang.

Eher durch Zufall denn durch Ehrgeiz war es der spanischen Krone zugefallen, nachdem Christopher Kolumbus, der ausgezogen war, Asien zu suchen, am 12. Oktober 1492 auf Amerika stieß. Die Krone war nie darauf vorbereitet, ein so großes Imperium zu verwalten. Sie war bei Bankiers und Kaufleuten in ganz Europa hoch verschuldet, daran konnten auch all die Tonnen amerikanischen Silbers nichts ändern.

Statt in die sieche Wirtschaft zu investieren, baute das Königshaus unzählige Klöster, Kirchen und Paläste. Schon damals spottete man, Spanien habe die magische Formel gefunden, Silber in Stein zu verwandeln – ein Satz, der heute nicht aktueller erscheinen könnte. König Philipp II. fühlte sich berufen, das Weltreich von seiner Schreibstube im Escorial aus zu verwalten, jedes noch so unbedeutende Schriftstück sollte durch seine Hände wandern. Ein italienischer Diplomat spottete damals: "Wenn der Tod aus Spanien käme, hätten wir alle ein langes Leben."

Beim Versuch, das riesige Weltreich zu halten, verstrickte sich die Krone in unzählige Kriege – und musste doch mitansehen, wie es Stück für Stück in Teile zerfiel. 1898 jagten die USA Spanien seine letzten Kolonien ab, die Philippinen und Kuba. Spanien war am Ende: arm, rückständig und von jenem nicht enden wollenden Konflikt geplagt, der schon bald in den Bürgerkrieg münden sollte. Der Philosoph José Ortega y Gasset schrieb damals: "Mehr als einer Nation gleicht das heutige Spanien einer Staubwolke, die zurückbleibt, nachdem ein großes Volk die Straße der Geschichte hinuntergaloppiert ist."

Vom Imperium war wenig geblieben – außer der gemeinsamen Vergangenheit, Sprache und Kultur. Der spanische Diktator Francisco Franco versuchte mit seiner Idee der "Hispanidad" dort anzuknüpfen: Isoliert vom Rest Europas, propagierte er die Idee eines hispanischen Bundes, geeint durch den Katholizismus und die strenge Hand des Staates – darin war er sich mit den Militärdiktatoren in Lateinamerika ganz einig.

Dann demokratisierten sich Spanien und nach und nach auch die meisten Länder Lateinamerikas. Für Spanien, eine Mittelmacht am Rande Europas, stellte sich die Frage: Wie politisch und wirtschaftlich Nutzen aus der Vergangenheit ziehen?

Schließlich verfügt das Land über einen Rohstoff, den einige als den wichtigsten des Landes erachten – eine Sprache, die von mehr als 500 Millionen Menschen weltweit gesprochen wird. Und es werden immer mehr: 2050 werden die USA dank des Zuzugs der Hispanics wohl das Land mit den meisten spanischsprachigen Einwohnern sein. Sprache ist Macht, das wussten schon jene Beamten, die Königin Isabel im spanischen Schicksalsjahr 1492 die erste spanische Grammatik präsentierten. Und auf ihre Frage, was das denn nütze, antworteten: "Sprache ist ein Instrument des Imperiums."