Die ZEIT: Was läuft falsch in Ägypten?

Mohamed ElBaradei: In diesem Land sind die Bürger machtlos, sie können ihre Repräsentanten nicht wählen, sie haben kein Mitspracherecht bei Machtwechseln, die Justiz ist nicht voll entwickelt. Der Präsident ist übermächtig. Ägypten ist im Grunde genommen ein Einparteienstaat. Die größte Oppositionspartei im Parlament hat ein Prozent der Sitze. Und alles das ist seit mehr als 30 Jahren durch ein Ausnahmerecht zementiert.

Es gibt Korruption, Intransparenz, Vetternwirtschaft. Die Reichen leben in abgesperrten Wohngebieten, während 42 Prozent der Bevölkerung mit einem Dollar am Tag auskommen müssen. Wir haben ganze Flughäfen für Privatjets, derweil sich viele Ägypter noch auf Eseln fortbewegen. 30 Prozent der Ägypter sind Analphabeten. Die Menschen haben die Hoffnung verloren und sehen keine Zukunft für sich. Jeder, der irgendwie das Land verlassen kann, geht.

ZEIT: Ist Ägypten reif für eine Demokratie?

ElBaradei: Die Menschen sind bereit für die Demokratie. Sie begreifen, dass sie unterdrückt und in Rückständigkeit gehalten werden. Aber es gibt auch viel Verunsicherung. Die Strategie der Regierung besteht darin, zu warnen: Veränderung ist kompliziert und gefährlich. Sie wissen ja, autoritäre Regime sprechen immer gerne von Stabilität, aber wo ist die Stabilität, wenn die Leute ihrer eigenen Regierung nicht trauen? Schauen Sie nach Osteuropa und Lateinamerika: Der Übergang zur Demokratie ist möglich, wenn die Mentalität verändert wird und eine Regierung bereit ist, diesen Weg zu gehen.

ZEIT: Sind Islam und Demokratie vereinbar?

ElBaradei: Der Islam ist wie jede Religion das, was man daraus macht. Unter dem Islam bildeten sich in früheren Zeiten zwar keine voll entwickelten Zivilgesellschaften heraus, sondern eher Autokratien mit absoluten Herrschern. Aber das war in Europa auch einmal so, und es hat sich in Europa geändert. Warum sollte der Islam eine Ausnahme machen? In einer Sure des Korans heißt es: Der Herrscher muss durch Konsultation regieren. Daran kann man anknüpfen. Bedenken Sie, dass einige muslimische Länder funktionierende Demokratien haben, die Türkei etwa oder Indonesien.

ZEIT: Die türkische Demokratie orientiert sich an westlichen Modellen. Ist der Westen Ihr Vorbild?

ElBaradei: Demokratie hat keinen Ort. Sie beruht auf Meinungsfreiheit, religiöser Freiheit, Freiheit von Angst und Not. Diese Werte sind universal.

ZEIT: Gibt es Vorbilder in Ägypten selbst?

ElBaradei: Wir hatten einmal ein demokratisches System, bis 1952, kein perfektes zwar, aber immerhin. Ägypten hatte ein Mehrparteiensystem, eine parlamentarische Demokratie. Doch 1952 ergriff dann die Armee die Macht.