ZEIT: Manche fürchten, Demokratie in Ägypten würde die Muslimbrüder an die Macht bringen.

ElBaradei: Man muss mit den Muslimbrüdern intellektuell nicht übereinstimmen, aber sie sind nun einmal Teil der Gesellschaft und haben das Recht, an ihr teilzunehmen. Die Muslimbrüder sind als Verbündete Osama bin Ladens dargestellt worden – vollkommener Unsinn. Gewiss, sie sind konservativ, nach innen gekehrt, aber sie sind gewaltlos, streben noch nicht mal an die Macht. Sie haben 20 Prozent der Sitze im Parlament, werden aber nicht als Partei anerkannt – das ist doch reine Vogel-Strauß-Politik. Nein, man muss sie viel mehr einbeziehen! Sie genießen in Ägypten hohe Glaubwürdigkeit, weil sie, wohlorganisiert, etwas für die Befriedigung der Grundbedürfnisse tun: Gesundheitsversorgung, Erziehung, Katastrophenhilfe.

ZEIT: Arbeiten Sie mit ihnen zusammen?

ElBaradei: Als ich vor Wochen nach Ägypten ging, hatte ich ein Gespräch mit ihrem Fraktionschef. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Muslimbruder traf. Nun, er sprach sich gegen religiöse und militärische Parteien aus und für einen zivilen Staat. Ich nehme ihn beim Wort, ob ich das nun alles glaube oder nicht.

ZEIT: Sie lebten viele Jahre außerhalb Ägyptens. Jetzt wollen Sie dort Politik machen. Wie?

ElBaradei: Ich komme als Agent für den Wandel. Ich will aussprechen, welche Fehler gemacht wurden, und ich will Ägypten helfen, zu einem demokratischen System überzugehen, mit sauberen Institutionen.

ZEIT: Als Chef der Internationalen Atomenergiebehörde war Ihre Stärke die Präzision. Politiker hingegen müssen mit Emotionen arbeiten. Ist das wirklich eine geeignete Rolle für Sie?

ElBaradei: Wissen Sie, Ägypten ist ein Opfer der Emotionen. Alles ist Gefühl. Man kann über nichts richtig sprechen: Regierungsführung, Korruption, Wirtschaft. Dafür braucht man rationales Denken. Aber Sie haben recht, ich muss dazulernen und wohl auch meinen Stil verändern.

ZEIT: Babys küssen, Dinnerpartys besuchen... 

ElBaradei: Zugegeben, das ist nicht mein Ding. Ich bin auch bestimmt kein Partylöwe, aber ich werde selbstverständlich auf Partys gehen, um über die wichtigen Probleme zu sprechen. Und es muss viel gesprochen werden. Wissen Sie, im Mittleren Osten wird vieles schwarz-weiß gezeichnet. Aber im Leben sind die Dinge meist grau, und man muss das Für und Wider ausloten. Ich mache das sicherlich in einer ungewohnten Sprache. Aber die Leute scheinen das zu mögen und versammeln sich um mich.