ZEIT: Wie kommen Sie in Kontakt zu Ägyptern?

ElBaradei: Verblüfft war ich, als ich aufs Land ging, in den Nordosten, nach Mansura. Da kamen wirklich arme Leute auf mich zu und umarmten und küssten mich – ich kann mir das nur dadurch erklären, dass sie auf einmal Hoffnung sehen. Obwohl sie wissen: Ich denke nicht wie sie, ich lebe nicht wie sie, ich verhalte mich auch nicht so wie sie.

ZEIT: Was hat Sie überrascht?

ElBaradei: Das Ausmaß der Hoffnungslosigkeit. Der Verzweiflung. Und die Angst. Ich kann das vollkommen verstehen; hätte ich ein solches Leben wie meine Landsleute geführt, wer weiß, wie ich mich heute verhalten würde. Aber ich bin eben nicht das Produkt eines 30 oder 40 Jahre währenden Lebens in Ägypten, und das verstecke ich auch gar nicht. Jedenfalls komme ich besser mit den armen Leuten zurecht als mit vielen aus der Elite. Bei denen muss man vorsichtig sein. Sie haben meist etwas zu verlieren.

ZEIT: Werden Sie für die Präsidentschaft kandidieren?

ElBaradei: In meinem Alter? Das ist zumindest nicht meine Priorität. Die Modernisierung Ägyptens wird viel Zeit brauchen, ein bis zwei Generationen. Sie müssen so viel ändern, die Werte, die Erziehung, die Infrastruktur! Ich möchte gerne den Anfang von alledem mitgestalten. Andererseits, damit auch das klargestellt ist: Wenn die Leute wirklich die Kandidatur von mir verlangten, würde ich sie nicht hängen lassen.

ZEIT: Das Land verändern, ohne ein Amt innezuhaben, geht das denn überhaupt?

ElBaradei: Oh ja. Wir können Druck aufbauen. Etwa mit unserer Unterschriftenkampagne. Stellen Sie sich vor, was es bedeuten würde, wenn sehr viele, wirklich sehr viele Ägypter mit Unterschrift und dokumentierter Passnummer bekundeten: Wir wollen Veränderung, wir wollen Demokratie!

ZEIT: Sie stellen Videos ins Internet, sind auf Twitter und Facebook. Aber in Kairo haben Sie noch nicht einmal ein Büro. 

ElBaradei: Aber aus allen Schichten der Gesellschaft strömen Freiwillige zu uns, und sie fragen: Was kann ich tun? Es sind schon 15.000 Freiwillige, die in Städte und Dörfer im ganzen Land gehen und dort über die neue Bürgerbewegung informieren.