ZEIT: Und das alle ohne Organisationsstrukturen?

ElBaradei: Das ist wirklich eine Zwickmühle. Wir brauchen Strukturen, dürfen sie aber nicht aufbauen – was kann man da tun? Etwa illegal werden? Ich bitte Sie, stellen Sie sich jemanden wie mich vor, außerhalb des Gesetzes! Undenkbar. Ich bin immer ein Mann des Rechts gewesen. Ich kann also nur auf etwas anderes wetten: dass die Ägypter selbst in Bewegung geraten, so sehr, dass niemand sie mehr aufhalten kann. Das kann sechs Monate oder sechs Jahre dauern. Immerhin fangen die Leute jetzt an, über Politik zu diskutieren! Das war ja fast ein Tabu in Ägypten, seit Jahrzehnten. Mund halten und arbeiten gehen, das war die Regel. Wie in der DDR. Deshalb habe ich auch getwittert: Wir werden unsere Angst so überwinden, wie die Deutschen die Mauer zum Einsturz gebracht haben.

ZEIT: Und wie erreichen Sie diejenigen, die keinen Zugang zum Internet haben?

ElBaradei: Es gibt erfreulicherweise private Fernsehsender. In deren Shows trete ich zuweilen auf, neulich beispielsweise in einer, die von 44 Millionen Menschen gesehen wurde.

ZEIT: Ihre Anhänger bekommen jetzt auch in anderen arabischen Ländern Schwierigkeiten. In Kuwait wurden sie festgenommen, in Saudi-Arabien wurde die Website gesperrt. Ist die arabische Welt gegen Sie?

ElBaradei: Das war wohl nicht persönlich gemeint. (lacht) Nein, die finden die Vorstellung ungemütlich, dass die Demokratie im Nahen Osten Einzug halten könnte.

ZEIT: Ägyptens Präsident Mubarak hat die Opposition gerade erst wieder drastisch gewarnt. Empfinden Sie das als persönliche Bedrohung?

ElBaradei: Nein, das will ich doch nicht glauben. Aber in der Tat gibt es zurzeit eine gewisse Panik unter den Regierenden – obwohl ich doch mit nichts anderem nach Ägypten komme als mit meinen Ideen. Was sie offenbar nervös macht, ist meine internationale Glaubwürdigkeit. Also führen sie Verleumdungskampagnen. Doch je persönlicher die Kampagne wird, desto mehr denken sich die Ägypter: Na, wenn dieser Mann dermaßen aufs Korn genommen wird, dann hat er ja vielleicht wirklich etwas anzubieten.

ZEIT: Der Opponent Mubaraks bei der Wahl 2005, Ayman Nour, landete im Gefängnis. Das jagt Ihnen keine Angst ein?

ElBaradei: Nein. Meine Sicherheit, das ist mein Bekanntheitsgrad. Wenn ich in Ägypten irgendwohin gehe, sind immer 50 Medienleute zur Stelle, arabische, internationale, das gibt eine gewissen Schutz.

Das Gespräch führten Gero von Randow und Michael Thumann