ZEIT: Mal angenommen, Deutschland will zu viel Geld ausgeben. Was soll dann geschehen?

Rehn: Dann würden die anderen Regierungen empfehlen, die Politik zu ändern.

ZEIT: Dann würde der Finanzminister sagen, Guido Westerwelle und unsere Koalition sind mir wichtiger als Ihre Ratschläge. Soll sich Brüssel doch auf den Kopf stellen.

Rehn: Wenn Sie Teil einer Währungsgemeinschaft sein wollen, sollten Sie im eigenen Interesse die Regeln beachten.

ZEIT: Und wenn nicht? Sollte die Euro-Gruppe dann das Land bestrafen – obwohl dessen demokratisch gewähltes Parlament etwas anderes will?

Rehn: Ich war früher selbst Mitglied des Parlaments, auch des Europäischen Parlaments, und habe schon deshalb Hochachtung vor der Arbeit der Abgeordneten. Aber jene, die den Pakt nicht beachten, gehören bestraft . Man könnte beispielsweise Geldbußen verhängen oder Zuweisungen aus dem Kohäsions- und Strukturfonds streichen.

ZEIT: Die Eurogruppe als eine Art Diktator… 

Rehn: …selbst wenn alle diese Vorschläge umgesetzt werden, ist die Euro-Gruppe sehr weit davon entfernt, ein Diktator zu sein. Sie sollte endlich tun können, was wir schon lange predigen. Sie soll weniger Papiertiger sein. Im Grunde geht es uns darum, auf europäischer Ebene ein Instrument einzuführen, das der deutschen Schuldenbremse entspricht, die ja die Neuverschuldung kräftigst verringern soll. Und dann brauchen wir auch noch Mittel, um die makroökonomischen Ungleichgewichte einzudämmen…

ZEIT: …also um die unterschiedlichen Lohnkosten, Wachstumsraten, Im- und Exportraten und so weiter anzugleichen. Wie wollen Sie das anstellen?

Rehn: Das geht nur gemeinsam. Und es bedeutet nicht, dass irgendjemand für seine Exportstärke bestraft wird.

ZEIT: Also keine Strafgebühren für deutsche Handelsüberschüsse?

Rehn: Sicher nicht. Wir sollten bei denen mit den Defiziten anfangen. Griechenland hat in den vergangenen zehn Jahren ein Viertel seiner Wettbewerbsstärke verloren. Das muss sich ändern.

ZEIT: Mit den klassischen Mitteln: Arbeitsmärkte reformieren, Lohnkosten senken, Renten kürzen?

Rehn: Ja, aber mit Vorsicht! Da schwingt immer die Gefahr einer Deflation mit. Zunächst können solche Reformen das Wachstum schwächen. Und um das auszugleichen, müssen andere Länder wiederum ihre Binnennachfrage stärken.

ZEIT: Womit Sie wieder bei Deutschland sind.

Rehn: Ja, alle die das Zeug dazu haben, sollten etwas tun.

ZEIT: Macht Ihnen Ihr Amt eigentlich Spaß?

Rehn: Darüber hatte ich noch keine Zeit nachzudenken. Es brennt ja seit Beginn meiner Amtszeit im Februar. Ich bin wie im Dauereinsatz bei der Feuerwehr. Nur müssen wir zugleich löschen und die Feuerwehrautos erst montieren. Das zumindest möchte ich künftig nicht mehr erleben.

Das Gespräch führten Petra Pinzler und Claas Tatje