Die ZEIT: Frau Schavan, was ist evangelisch an Herrn de Maizière?

Annette Schavan: Die Kraft seines Wortes.

ZEIT: Herr de Maizière, was ist katholisch an Frau Schavan?

Thomas de Maizière: Der rheinische Liberalismus. Niemand kann so liberal katholisch sein wie rheinländische Katholiken.

ZEIT: Haben Sie Frau Schavan schon einmal darum beneidet, dass sie zur Beichte gehen und Sünden loswerden kann?

de Maizière: Es ist ein Missverständnis, dass es in der evangelischen Kirche keine Beichte gäbe. Vor jedem Abendmahl – zumindest in der lutherischen Kirche Sachsen, der ich angehöre – gibt es eine Beichtzeremonie. Es gibt auch die Form der Individualbeichte, aber nicht das, was man gemeinhin unter Beichtstuhl versteht. Ehrlich gesagt: Ich habe damit ein Problem.

ZEIT: Nämlich?

de Maizière: Für mich gehört zu einer Beichte, dass man sich in die Augen schaut und denjenigen, mit dem man spricht, auch kennt. Ein Ritual, dreimal Rosenkranz beten, und die Sünde ist weg – damit habe ich ein Problem. Das ist vielleicht protestantisch.

Schavan: So einfach ist es bei uns auch wieder nicht. Auch Katholiken wählen für Beichte und Sündenvergebung längst nicht mehr nur die anonyme Ohrenbeichte, das Gespräch spielt eine sehr viel größere Rolle. Die Beichte bedeutet mir Selbstvergewisserung. Ich beschäftige mich mit meinen Grenzen und stelle mir die Frage, wo ich jemandem etwas schuldig geblieben bin.

ZEIT: Vor gut zwei Wochen wurde die erste muslimische Ministerin in Deutschland vereidigt. Prompt gab es große Aufregung, weil sie sich in einer ihrer ersten Äußerungen gleichzeitig gegen Kruzifix und Kopftuch gewandt hat. Was lehrt uns das?

Schavan: Ich wünsche mir Kreuze in vielen Räumen, aber ich finde nicht, dass es eine Empörungswelle auslösen sollte, wenn das jemand anders sieht. Als ob das Kreuz in jedem Raum so selbstverständlich sei, dass niemand auf die Idee kommen kann, das infrage zu stellen. Es ist nicht mehr selbstverständlich. Wer es wichtig findet, wie ich, muss darüber sprechen, dafür werben, erklären.

de Maizière: Da sind wir einer Meinung: Ich freue mich über jedes Kreuz, das in öffentlichen Räumen hängt. Ich bin gegen eine Vorschrift, dass in jeder Schule ein Kreuz zu hängen hat. Ich bin gegen eine Vorschrift, dass die Kreuze aus den Schulen zu verschwinden haben. Eine Gesellschaft braucht ungeschriebene und möglichst nicht zu regelnde Traditionen. Einer meiner Söhne war auf einem Bertolt-Brecht-Gymnasium, da hing natürlich ein Bild von Bert Brecht im Eingang. Darüber wurde doch gar nicht streitig diskutiert. Also, ich wünsche mir mehr fröhliche Gelassenheit im Umgang mit Symbolen, auch mit christlichen Symbolen.