Beim Frühstück

Um es gleich zu sagen: Die Beschaffenheit des Frühstücks ist, von Berlusconi einmal abgesehen, einer der augenfälligsten Unterschiede zwischen Deutschland und Italien. Sicher, bessere Hotels geben sich mittlerweile Mühe, ihren Gästen so etwas wie ein Frühstücksbuffet zu servieren. Mit Wurst, Käse, Marmelade, vielleicht sogar mit Fertigmüsli und Dosenobst. Das original italienische Frühstück dagegen findet man etwa in einem ansonsten netten kalabresischen Drei-Sterne-Hotel: Croissants mit Schokolade oder Marmelade. Cornflakes, die in einem Spender aufbewahrt werden, der aussieht wie ein Kaugummiautomat aus den sechziger Jahren. Und ein paar traurige Becher Fruchtjoghurt. Kein Italiener rührt die an. Denn, sagt mein Reisebegleiter Beppe, der in seinen Büchern regelmäßig die Eigenarten des italienischen Wesens analysiert, der typische Italiener isst zu seinem Kaffee oder Cappuccino nie mehr als ein süßes Stückchen. Und das am liebsten im Stehen und so hastig es geht. Ihr Frühstück scheint auch für die Italiener selber – kein Wunder! – eine peinliche Sache zu sein.

Seien Sie also taktvoll. Mosern Sie im Frühstücksraum nicht herum. Behelfen Sie sich in Ihrem Zimmer mit ein paar Müsliriegeln und/oder Äpfeln, das ist gesund. Oder lösen Sie das Problem auf Italienisch: Steuern Sie, sobald Sie das Hotel verlassen haben, die nächste Bar an. Dort gibt es Dutzende Sorten Plätzchen und Gebäck und – endlich! – Panini, Ciabatta-Brötchen mit Salami, Schinken oder Käse… Sicher, dabei gerät der Tagesplan durcheinander. Aber das ist Italien!

Im Straßenverkehr

In den Straßenverkehr einer italienischen Großstadt sollten Sie sich nur wagen, wenn Sie nicht zu Rechthaberei neigen und keinen großen Wert auf die Unversehrtheit Ihres Fahrzeugs legen. Dann nämlich wird wie durch ein Wunder alles gut gehen. Es stimmt zwar: Italienische Fahrer ignorieren gerne rote Ampeln. Aber, so demonstrierte Beppe ungerührt auf einer wilden Slalomfahrt mit dem Motorroller durch Mailand: Italiener ignorieren nur "unwichtige" Ampeln. Wo ein deutscher Autofahrer denkt "Rot = stopp!, Grün = fahren", fragt sich der Italiener: "Ist es sinnvoll, den Vorschlag dieser Ampel anzunehmen und hier zu warten, obwohl die anderen sehen, dass ich weiterfahre? Wäre es nicht viel besser, da vorne an der kleinen Straße abzubremsen, wo ich zwar Vorfahrt habe, aus der um diese Zeit aber immer der Lieferwagen mit dem halb blinden Greis am Steuer schießt?" Also: Den Sinn jeder Regel infrage stellen und anderen Verkehrsteilnehmern alles zutrauen – zugleich aber wissen, dass diese anderen genauso denken! Wenn Sie dieses Prinzip einmal verinnerlicht haben, fahren Sie auch als Beifahrer viel entspannter. Dann erleben Sie die Taxifahrt zum Flughafen von Palermo als perfekt choreografiertes Ballett. Wo mal der eine, mal der andere Tänzer den Vortritt hat, wo sich Paare einander bis auf Haaresbreite nähern und erst kurz vor der Berührung wieder trennen. Und sich völlig überraschend eine Gasse bildet, um einen durchzulassen. Sofern kein auf seiner Vorfahrt beharrender deutscher Tourist dazwischenkommt.

Im alltäglichen Chaos

Für Italiener ist der ganz normale Alltag ziemlich langweilig. Würden sie sonst aus jeder zufälligen Begegnung unter Bekannten, jedem zufälligen Anruf auf dem Handy einen bühnenreifen Auftritt machen? Würden sie ihre Bahnhöfe sonst mit Schildern pflastern, denen zufolge man eine ominöse "gelbe Linie" keinesfalls überschreiten darf? Würde sonst in italienischen Zügen permanent durchgesagt, dass es verboten sei, während der Fahrt die Türen zu öffnen? Aber der Nervenkitzel geht noch weiter. Da verstecken sich auf dem Flughafen von Palermo die Gates für den Abflug in der hinterletzten Ecke nach den Toiletten. Da fehlt im Hafengelände von Villa S. Giovanni, von wo aus gleich die letzte Fähre nach Sizilien übersetzen soll, jeder Hinweis auf besagte Fähre, jedes Schild (selbst das Gelbe-Linie-Verbot). Und da verkündigt der Zugzielanzeiger auf dem Bahnhof von Messina, dass demnächst zwei Züge in Richtung Süden fahren. Allerdings verschweigt er, dass man in diese Züge nicht einsteigen darf.