Stroma stand mitten in der Küche. Ihre nackten Füße waren vollgespritzt mit dunklem Saft und weißer Milch. Der Boden war voller Trauben und Cornflakes und Glasscherben und Zucker, der Saft und die Milch flossen umher und bildeten Pfützen. Sie sagte: ›Ich wollte alles so schön machen, und jetzt guck’ dir diese kaputte Suppe an!‹" Tränen.

Stroma ist sechs Jahre alt, und die kleine Katastrophe am Sonntagmorgen, das abgestürzte Tablett mit dem Frühstück für ihre ältere Schwester Rowan, steht für die große Katastrophe, mit der die Mädchen täglich leben müssen. Die beiden hatten einen Bruder, einen bewunderten, fröhlichen, freigebigen, überall beliebten Bruder: Jack. Er ist gestorben, ertrunken vor zwei Jahren. Und seit zwei Jahren hat auch seine Familie kein Leben mehr, sondern nur noch – kaputte Suppe.

Die Mutter ist von Kummer überwältigt. Sie isst nicht. Sie spricht nicht. Sie sitzt stundenlang im Dunkeln. Vor allem hat sie Rowan und Stroma vergessen, hat vergessen, dass eine Fünfzehnjährige und eine Sechsjährige eigentlich auch in guten Zeiten nicht auf sich allein gestellt sein sollten, erst recht also nicht in schlechten.

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Der Vater? Dem wird alles zu viel, und er tut, was Männer leider öfter tun, wenn ihnen zu viele Gefühle im Spiel sind: Er läuft weg. Er zieht aus, und er redet sich ein, dass seine Frau und die Mädchen schon zurechtkämen. Das tun sie auch, oh, viel zu gut sind Rowan und Stroma im Zurechtkommen und Helfen und So-tun-als-ob: als ob ihre Mutter nicht krank wäre.

An einem Tag, der so grau wie alle anderen beginnt, geschieht etwas Ungewöhnliches. In einem Geschäft reicht ein fremder Junge Rowan das Negativ eines Fotos, weil er denkt, sie habe es verloren. Was gar nicht stimmt, da ist sich Rowan sicher: Sie hat es nie gesehen. Auffälliges Interesse an dieser kleinen Szene zeigt Rowans ältere Mitschülerin Bee. Die Mädchen kommen ins Gespräch, Rowan fühlt sich, als hätte sie Bee immer gekannt. Gemeinsam entwickeln sie das Negativ. Das Ergebnis ist erstaunlich: Auf dem fertigen Bild ist Jack zu sehen, lachend, glücklich, so wie er wirklich war, denkt Rowan, nicht wie auf den Bildern in diesem Schrein, zu dem Mum unsere Wohnung gemacht hat: "Es war das jackste Bild von Jack, das ich je gesehen hatte."

Wer das Bild aufgenommen hat und welche Geschichte es erzählen könnte, das sind Teile eines Puzzles, das Rowan mühsam zusammensetzen muss. Beim Puzzeln hilft Harper, der Junge aus dem Laden, in den Rowan sich verliebt. Von hier an rosige Zukunft? Irrtum. Zunächst wird alles schlimmer. Rowans Mutter unternimmt einen Selbstmordversuch. Rowan zermartert sich. Sie hätte etwas merken, etwas unternehmen müssen! Sie ist schuld, schuld, schuld!

Natürlich ist Rowan zu hart mit sich, sie hat einfach getan, was sie konnte. Aber, sagt dieses Buch, allzu großes Heldentum, allzu festes Zähnezusammenbeißen können eben auch gefährlich sein: Manchmal brauchen selbst die tapfersten Menschen Hilfe von außen. Das Tröstliche an Jenny Valentines Roman ist, dass die Autorin am Ende der Geschichte ein Gleichgewicht herstellt. Ein Gleichgewicht zwischen all dem Guten, das Rowan vollbringt (und das doch fast zu einem schrecklichen Ende führt), und dem Schrecklichsten, was je in ihrem Leben passiert ist: Jacks Tod.

Dieser Tod hat, sosehr ihn alle beweinen, eine wichtige Wirkung gehabt, er hat Rowan verändert. Sie ist aus dem Schatten ihres Überbruders herausgetreten. Sie hat erfahren, dass es trotz aller Entsetzlichkeiten immer auch Gutes gibt in der Welt: "Vielleicht hatte Mum nur vergessen, dass selbst dann, wenn du alles, was du verlieren zu können glaubtest, verloren hast, jemand kommt und dir etwas schenkt." In Kaputte Suppe ist dieser jemand Bee. Ihr Geschenk ist sehr unerwartet, und es löst mehr als nur das Rätsel um das jackste Jack-Bild aller Zeiten.